Was machen wir heute? : Berlinerisch essen

Wie ein Neuberliner die Stadt erleben kann.

Anselm Neft

Was gewisse kulturelle Leistungen betrifft, steht das Selbstbewusstsein des Berliners im krassen Gegensatz zur tatsächlichen Errungenschaft. Ganz recht, ich spreche von der so genannten Berliner Küche. Was die Ureinwohner dieser Stadt reitet, simple Würste, die im Ruhrpott stillschweigend über den Tresen gehen, mit großem Tamtam zur Tourismusattraktion hochzujubeln, wird ebenso ihr Geheimnis bleiben, wie der Hintergrund jener Macke, die Phosphatstangen wahlweise mit oder ohne Darm zu servieren und das auch noch stolz auf die Tafeln zu schreiben. Für die Berliner Brutzelbuden sind Tierdärme offenbar so etwas wie Mode für Wurst.

Aber nicht nur die gesamtdeutsche Wurstbesessenheit erfährt in Berlin ihren schmierigsten Ausdruck. Nein, man erachtet auch ernsthaft Haxen, Leber oder gebratene Hackklopse als Kulturgüter. Was in Süddeutschland als Fleischküchla oder Fleischpflanzerl, im Rheinland als Frikadelle die Runde macht, tut in Berlin unter dem Namen „Bulette“ so, als sei es hier erfunden worden. Dabei mussten die Berliner Gastronomen sogar das Wort klauen, von den Hugenotten, von denen sie auch gleich die Berliner Weiße, also die französische Kunst, Bier zu verdünnen, übernommen und als Eigenleistung angepriesen haben.

Ich habe Speisekarten gesehen, auf denen „Berliner Flammkuchen“ angeboten wurde. Belegt mit Bratwurst und Curryketchup. Wo Menschen anderer Landstriche beschämt zu Boden sehen würden, werfen sich die Berliner stolz in die Brust und garnieren das ganze mit launigen Sprüchen: „Essen wie bei Muttern – trinken wie Vattern gerne gedurft hätte“. Nun rufen mir Leser wütend zu: „Das ist doch bloß für Touristen und so Zugezogene wie dich.“ Ich möchte erwidern: „Jawoll, und dit is auch Berlin.“

Restaurant Falle, 1. Bulettenschmiede Berlins, Friedrichstraße 130 (www.restaurant-falle.de). Heute „Kutschergaudi im Advent – die etwas andere Weihnachtsfeier“ (ein Gaudischnaps inklusive).

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