Was machen wir heute? : Berlinern

Jochen Schmidt

Überall wird gebaut! Am Alex pressen Dampframmen Stahlträger in den Boden, in der Brunnenstraße fällt ein Pferd in den Schacht der neuen U-Bahn-Linie. Im Obdachlosenasyl in der Fröbelstraße, wo heute das Bürgeramt Prenzlauer-Berg ist, muss man seine Stiefel einzeln unter die Bettpfosten stellen, sonst werden sie geklaut. Die Straßenbahnlinien führen 1928 noch sternförmig durch die ganze Stadt. In der Münzstraße hebt die Polizei gleich eine ganze Kneipe mit Zuhältern, Freudenmädchen und Kommunisten aus. Der entlassene Totschläger Franz Biberkopf isst bei Aschinger, Ecke Rosenthaler Platz billige Erbsensuppe. Heute heißt das Lokal St. Oberholz, es gibt W-Lan, und man sieht die Apple-Logos leuchten.

Nach 100 Seiten war ich bei diesem Buch am Verzweifeln, diese Rhapsodie von Sprachfetzen sollte Weltliteratur sein? So vertreibt man als Autor seine Laufkundschaft! Inzwischen habe ich es lieb gewonnen wie seit langem keines. Vorige Woche kaufte ich im Ramsch eine CD-Sammlung mit Couplets von Otto Reutter bis Hans Söhnker. „Ich reiß mir eine Wimper aus und stech’ dich damit tot“. Über die Liedzeile war ich doch im Roman gestolpert? Ein Schlager von 1928, so aktuell war das Buch mal. Die lange Schilderung der Schlachtungen im Zentralviehhof an der Eldenaer, wo jetzt Townhouses entstehen. Als ich klein war, blökten hinter diesen Mauern nachts noch Rinder, und es gab den Kindergarten „Abteilung Schlachtung und Zerlegung“. Wir spielten auf der Straße und berlinerten wie die Figuren bei Döblin. Man kann eigentlich niemandem böse sein, der so spricht, auch wenn er ein Aas ist.

Manche Passagen liest man sich am besten laut vor, wenn man am Helmholtzplatz sitzt und den Zugezogenen beim Kinderpicknick zuguckt. Am Ende landet der Held in der Nervenklinik in Berlin-Buch, wo ich 50 Jahre später zur Schule gehen werde. Theoretisch hätte er noch dort sein können. Jochen Schmidt

Alfred Döblin: „Berlin Alexanderplatz“, dtv, 8,90 Euro

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