Kultur : Was machen wir heute?: Beton bestaunen

Rainer Hank

Neulich hat mich ein alter Schulfreund besucht. Nicht irgendeiner, sondern - so hat man das damals genannt - mein Banknachbar -, also einer, mit dem man neun Jahre durch alle Hochs und Tiefs gegangen ist. Wir mögen uns noch immer, trotz jahrelanger Funkstille, und ich wollte ihm mein neues Berlin zeigen, sozusagen den Alt-Berliner raushängen. Weil der Spreebogen aus meiner Sicht das neueste und im Moment sicher interessanteste Berlin ist, habe ich meine Herzeigetour zwischen Schweizer Botschaft, Paul-Löbe-Haus und Bundeskanzleramt begonnen. Meine Angeberei in der Nachbarschaft ging freilich ziemlich daneben. Denn die Geschichten über das Schweizer Botschafter-Paar kannte mein Freund aus der Zeitung, und dass Berlin mehrheitlich den Schultes-Bau nicht mag, fand er nicht minder kleinkariert als ich.

Dann drehte er den Spieß herum. Ob ich schon gesehen habe, wie viel Sichtbeton das neue Berlin verbaue? Tatsächlich. Wenn man den Blick zwischen Schweizer Anbau, Kanzler und Bundestag kreisen lässt, sieht man nichts als Beton und Glas. Und unversehens durfte ich mir einen kleinen, ganz und gar kurzweiligen Vortrag anhören über Beton: Da habe ich zum Beispiel erfahren, dass es ziemlich aufwändig ist, große Flächen glatt zu kriegen, ohne dass man sogleich die Narben der Verschalung erkennt. Besonders angetan zeigte sich mein Besucher von den Säulen vor der Glaswand des Löbe-Baus: Allein der architektonische Gestus habe Stil. Diese Säulen aber, aus einem Guss, halte er für eine Meisterleistung des neuen Bauens, würdig herzeigbar in der Tradition von Peter Behrens oder Bruno Taut.

Da war ich also am Ende mit meinem Latein, ich Cicerone der autodidaktischen Art. Wie konnte ich nur vergessen, dass aus meinem Banknachbarn aus der Schule ein Bauingenieur geworden ist, ein ziemlich erfolreicher übrigens. Gemeinsam haben wir uns dann über die Frage hergemacht, was es wohl bedeutet, dass die Berliner Republik derart von Sichtbeton und Glas dominiert wird. Man glaubt ja gar nicht, wo einem diese Bauweise in der Stadt überall vor die Augen kommt, ist man erst einmal darauf geeicht. Zum Beispiel am Bundespresseamt, Spreeseite. Oder am Bundesverkehrsministerium. Und so geht es gerade weiter.

Was will uns die Exekutive damit sagen? Alles sieht ziemlich licht und leicht aus, nicht wirklich zubetoniert. Beton soll ehrlich wirken. "Wir haben es nicht nötig, uns zu verkleiden", sagt das neue Berlin. Beton will einfach aussehen. Beherzigt Berlin das Verdikt des Wiener Architekten Adolf Loos und seines Freundes Karl Kraus, die alle ornamentale Verkleidung als Lüge, gar als Verbrechen bezeichneten? Wohl nicht ganz, denn ein bisschen werden wir auch von Beton belogen, sieht er doch einfach und kostengünstig aus, obowohl er kompliziert und ziemlich teuer ist. Und all die Erker und Säulen sind ja nicht weniger ornamental, nur weil sie aus Glas und Beton sind. Die Werber haben schon recht: Beton - es kommt darauf an, was man daraus macht.

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