Was machen wir heute? : Betreut essen

Wie ein Neuberliner die Stadt erleben kann - in der Kiezkantine essen.

Anselm Neft

BerlinDas habe ich davon, dass ich keine Familie gegründet habe, dass ich nicht einmal in einer WG wohne, dass ich mir eine Freundin angelacht habe, die 600 Kilometer entfernt wohnt: Ich esse allein. Die Appetitlosigkeit am Morgen und die Hektik am Mittag münden am Abend in die Völlerei. Alleine kochen kann freudlos sein und nicht einmal günstiger als die Essdienstleister des Viertels aufzusuchen. Die asiatische Garküche meines Vertrauens ist gut, aber dort sitze ich besonders einsam. Nicht einmal die Fische im Aquarium beachten mich. Hin und wieder kaufe ich voller guter Vorsätze Suppengrün, Radieschen, Chicorée. Dann renne ich mehrere Tage hintereinander, vom Heißhunger getrieben, in zugige Pizzerien, Dönerläden und zwielichtige Hühnerbratbuden. Schließlich nehme ich das verschrumpelte Gemüse aus dem Kühlschrank und werfe es weg.

Immer wieder sieht man mich mit rumpelndem Magen durch Prenzlauer Berg schleichen. Essen, aber wo? Bei diesen Streifzügen bin ich neulich in die Kiezkantine geraten. Draußen wie drinnen sitzen die üblichen Prenzelberger an Holztischen und essen Eintopf, Salat, Vegetarisches oder das Fleischgericht von der Tageskarte. Wasser ist gratis. Die harmlosen Preise unterteilen sich in „ermäßigt“ und „normal“. Ermäßigung erhält, wer nachweist, dass er oder sie alt ist oder jung oder Stütze bekommt. Der Rotkohl schmeckt wie bei meiner Mutter. Er ist aus dem Glas. Der Sauerbraten ist richtig gut. Auf der Zunge zerfällt er in ungezählte Geschmacksatome. Ich fühle mich wohl. Liegt es daran, dass mich der Kellner freundlich anlächelt? Dass die Frau an der Kasse so ruhig und konzentriert wirkt? Eine merkwürdige Achtsamkeit scheint mir in den Räumen zu walten. Ganz anders als bei den Fischen des Asiaten. Zu Hause lese ich über die Kiezkantine, dass dort psychisch leidende Menschen aus Wohnprojekten arbeiten, die so belastbarer werden und der Isolation entkommen sollen.

Kiezkantine, Oderberger Straße 50, Montags –Freitags und Sonntags 10 – 17 Uhr

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