Was machen wir heute? : Bilder aus Mauerzeiten betrachten

Wie ein Rentner die Stadt erleben kann

Lothar Heinke

Spaziergang durch die uralte Mitte, vorbei an den Ausgrabungen historischer Keller an der ehemaligen Königstraße, hinein ins Nikolaiviertel. Man staunt, wie viele neugierige Menschen unterwegs sind. Während der Herr Berliner noch am Frühstückstisch sitzt und sein Rührei mit Zeitung und Leberwurst verspeist, stehen unsere Stadt-Gäste längst schon staunend vor Nofretete, beim Zeus oder beim Beten im Dom.

Wir aber keuchen über die wunderbar geschwungenen Treppen in den dritten Stock vom Ephraim-Palais: Hier ist Konrad Knebels Reich. Hier ist die Stadt. Hier sind die Bilder. Es wird ganz ruhig inmitten der 30 Gemälde von grauen Häusern in Prenzlauer Berg. Akribisch zeichnet der Künstler seine Umgebung, porträtiert Häuser wie mit dem Lineal, scheint verliebt in die Narben der fahlen Fassaden, so traurig wie düster und monoton. So haben wir in Prenzlauer Berg gewohnt? Ja, haben wir. Der 77-jährige Künstler malt die Stille unter einem hellgrauen, geteilten Himmel, ganz das Gegenteil von hektischer Stadt. Die muss man sich hinzudenken, ebenso die Menschen, die das alles beleben, aber hier nur in unseren Gedanken erscheinen, nicht auf der Leinwand. Da ist Berlin pur, ohne allen Schnickschnack.

Stadtmaler Knebel hat 1977 die Strelitzer Straße in Mitte gezeichnet – wie mit einem Beil von der Mauer samt Wachturm durchschnitten. Dieses Bild einer vermauerten Stadt, wie sie 28 lange Jahre war, begleitet uns in eine andere Schau, zwei Etagen tiefer: Natürlich musste auch das Stadtmuseum den Mauerfall irgendwie würdigen, und da ist es auf die Idee gekommen: „Grenzüberschreitungen und Grenzerfahrungen im Spiegel der Kunst“, zusammengefasst unter dem Titel „Fallmauerfall“. 300 Arbeiten von 75 Künstlern aus Ost und West zum Thema mit Fotos, Gemälden, Filmen, Skulpturen – spannende Zeitreise als Rolle rückwärts. Sehr empfehlenswert. Lothar Heinke

Ephraim-Palais, Poststr. 16, bis 7. Februar 2010, Di., Do–So 10 bis 18 Uhr, Mi. 12–20 Uhr, Eintritt 5 Euro.

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