Was machen wir heute? : Blut schleifen

Wie ein Neuberliner die Stadt erleben kann

Till Hein

Ochsenblut! Wie das schon klingt! Aber egal, wo man in Berlin einziehen will: Auf allen Dielenböden prangt dieser Farbton. Manchmal frage ich mich, was die Blutorgie über die Mentalität der Berliner aussagt. Hoffentlich nichts.

In meiner neuen Bleibe will ich den Boden jedenfalls abschleifen lassen. Also na ja, wollen tu ich das eigentlich nicht. Es ist Notwehr. Und das mit dem „lassen“ ist auch relativ. Das Delegieren des Problems an eine Firma war der ursprüngliche Plan. Doch ein Bekannter sagte spontan, wir könnten das doch auch „entspannt zusammen erledigen“. Ihm mache so etwas Spaß. „Danke“, sagte ich in meiner Naivität, „gerne.“

Ich habe mir das etwa so gedacht: Ich besorge Bier, Wurstbrote, Schokolade, Kaffee, und erzähle aus meinem Leben, U. kann sich mit der Schleifmaschine so richtig ausleben – und am Abend ist alles tipptopp.

Er hingegen verfolgte offensichtlich didaktische Ziele. Ich solle „ruhig mal lernen, wie es sich anfühlt, eine schwere Maschine zu bedienen“, sagt er heute. Als erstes schleppte er mich zu einem Schleifmaschinenverleih. „Tornado oder ELF?“, fragte der Mann hinterm Tresen. „Puuh“, sagte ich. „Tornado is’ leichter“, erklärte der Mann, „für Anfänger jeeignet.“ Die ELF wiederum sei leistungsstark, was für Profis. Ich nickte und wollte die ELF reservieren, da sagte U.: „Tornado.“

Ich hatte erwartet, dass er das Ochsenblutabschleifen im Schlaf beherrsche. Sonst ist er nämlich sehr kompetent. Im Nu stellte er zum Beispiel fest, dass die vermeintliche Eichenholzverschalung in meiner neuen Küche aus Kunststoff ist. „Chemische Weichmacher, leicht lösliche Schadstoffe“, analysierte er. „Durch die Dämpfe wird sich dein Körper verändern.“ Ich schluckte leer. Dann sagte ich, dass meine Physis eigentlich recht robust sei. Ich hätte lediglich eine Allergie gegen Ochsenblut. U. schüttelte mitleidig den Kopf. „Du musst es wissen.“ Ich glaube, wir werden noch sehr viel Spaß zusammen haben.

Nieder mit dem Ochsenblut! „abschliff“, Tellstr. 4, Telefon 613 093 39, www.abschliff.de

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