Was machen wir heute? : Blutwurst essen

Anselm Neft

Neukölln legt sich ins Zeug. Erst hängt es Wedding als Problembezirk im Feuilleton ab. Manche Gangster aus dem Soldiner Kiez nehmen das der Nordneuköllner Rütli-Crew und den rauflustigen Rollberg-Rowdies bis heute übel: Kaum noch Interviews, kaum noch schockierte „Spiegel“-Reporterinnen, kaum noch Respect in der Hood.

Als ob Neukölln der Triumph über Wedding nicht reichen würde, trumpft es nun mit alternativen Kulturveranstaltungen auf, dass wiederum den Kreuzbergern schummrig werden muss: Karneval der Kulturen, 48 Stunden Neukölln, transgenialer CSD und diese Woche: „Story – Neukölln“: sieben Tage Literatur im altehrwürdigen „Heimathafen“.

Jeder Tag dieser Lesewoche untersteht einem Motto: „Reise“ zum Beispiel, oder noch origineller: „Neukölln“. Heute ist „Gentrifizierungs Tag“ mit großer Gentrification-Gala. Gentrifizierung – das klingt wie die künstliche Veränderung ehemals harmloser Maisfelder, um die Bauern vom Schädlingsbekämpfungsmittel eines Großkonzerns abhängig zu machen. Es geht aber um etwas anderes: Die echte, authentische Urbevölkerung muss miterleben, wie erst Künstlerinnen und Kreative den Kiez wegen seiner niedrigen Mieten aufsuchen, ihn in einen „Kultort“ verwandeln, reichere Leute und Geschäftemacher anlocken und schwuppdiwupp heißt es nicht mehr Kaffe sondern Schockochino, nicht mehr Bulette sondern Sushi, und statt „Uschi’s Bierstube“ „Tapas und me(e)hr“. Die Mieten steigen, die Eingeborenen müssen nach Wedding ziehen und kriegen zur Begrüßung aufs Maul. Schuld sind nicht Politiker, die den Immobilienmarkt komplett privatisiert haben, Schuld sind die Schwaben. Irgendwo muss die Toleranz mit Ausländern auch mal ein Ende haben, sonst gehen all die schönen, alten Läden kaputt. Manche sehen das gelassen. Der Neuköllner Blutwurstritter zum Beispiel: Tradition muss sein. Neuerung aber auch. Im besten Fall bringt Neukölln beides zusammen. Anselm Neft

Tradition und Moderne im Neuköllner Fleischerhandwerk:www.blutwurstmanufaktur.de

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