Was machen wir heute? : Böse Schurken entlarven

Wie ein Vater die Stadt erleben kann

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Ist der Mörder der aalglatte Oberst von Gatow, der undurchsichtige Reverend Grün oder die geheimnisvolle Madame Mystique? Neulich hat die Familie, weil das Wetter ja nicht nach draußen lockt, mal wieder „Cluedo“ gespielt. Da müssen Beweise gesucht, Tatorte gesichtet und vor allem kombiniert werden. Vor allem aber sitzt die Familie gemeinsam am Tisch. Das Brettspiel scheint dem Vater angesichts der elektronischen Gamekultur fast wie ein schutzwürdiges historisches Relikt. Ist die Suche nach dem Schurken, der den Grafen in seinem englischen Schloss gemeuchelt hat, nicht wie eine Einübung ins wahre Leben? Dort ist freilich nicht immer so ganz leicht zu bewerten, wer die Guten und die Bösen sind.

Aber abgesehen vom unvermeidlichen Streit – „Papa, du hast gemogelt“ – „Die Beweiskarte hast du uns nie gezeigt“ – geht es ohne Schäden ab. Tochter Lara hat dagegen kürzlich mit der Handkonsole des Wii-Spiels versehentlich eine Hängelampe zerschlagen. „Entschuldigung, hatte beim Golf-Spielen zu heftig ausgeholt“, sagt Lara. Dem Vater wäre bislang nicht im Traum eingefallen, dass sich die 19-Jährige für Golf interessieren könnte.

Nun stehen die Töchter und ihre Freunde ständig vor dem Fernseher und bewegen sich wie Tiger Woods mit viel Drehschwung und ausholenden Armbewegungen auf imaginären Golfplätzen, stehen um sich schlagend im Boxring oder tauchen durchgeschwitzt in der Küche auf und erzählen von dem anstrengenden Waldlauf. Seitdem das Wii-Spiel zur Familie gehört, stolpert der Vater dafür ständig über die auf dem Boden liegende weiße Platte. „Da kann man super Yoga drauf machen“, sagt die 16-jährige Franca. Und Tochter Lara zeigt, wie gelenkig sie ist, seitdem sie auf der Platte mit den elektronischen Sensoren ihre vom Fernseher überwachten Gymnastikübungen macht. Wird Zeit, das es endlich Frühling wird und die Kinder wieder raus können.

Spielfest für Erwachsene und Kinder über 16 am Sonntag im Nachbarschaftshaus, Urbanstraße 21 in Kreuzberg, 11 bis 18 Uhr. www.nachbarschaftshaus.de

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