Was machen wir heute? : Botschaften erhalten

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Neulich sprach mich eine Straßenlaterne an. Offenherzig erzählte sie von ihrem Leben mit dem HIV-Virus. Von Kontrolluntersuchungen, körperlichem Leid, Diskriminierung. Es ist gut, dass dieses traurige Thema mal wieder zur Sprache kommt, dachte ich. Doch wie konnte sich die Laterne anstecken? Da fiel mir ein Lautsprecher auf und ein Hinweisschild: HIV-positive Menschen aus Berlin hatten ihre Geschichten auf Tonband gesprochen und an 14 weiteren Orten der Stadt erklangen sie anlässlich des „Welt-Aids-Tages“ aus Lautsprechern. Inzwischen schweigen die Laternen wieder. Das Aufklärungsprojekt ist abgeschlossen. Schade.

Froh bin ich hingegen, dass die orangefarbenen Mülleimer am Kottbusser Damm nur schriftlich kommunizieren. Denn ihre Botschaft klingt irgendwie nervig und belehrend: „sei umwelt – sei freundlich – sei berlin“. Wie soll das gehen? Wird da Hardcore-Buddhismus propagiert, mitten im christlich-jüdisch-muslimischen Kulturkreis? Soll man sein Selbst durch Meditation so weit auflösen, dass man vollständig zur Umwelt wird?

Steckt am Ende Peter Handke dahinter? Einer seiner Buchtitel fiel mir ein: „Die Innenwelt der Außenwelt der Innenwelt“. Da muss man auch lange drüber nachdenken. Und vielleicht ist ja genau das die Absicht der Mülleimerbotschaft: Entschleunigung, Betroffenheit durch Verwirrung. Hat Handke die Mistkübel betextet?

Inzwischen glaube ich, die Botschaft verstanden zu haben: „sei umwelt“ bedeutet: „Sei gut zur Umwelt!“ Man möge an seine Nächsten denken, den Nachbarn, den Baum am Straßenrand, den Laubfrosch, die Kanalratte. Schön eigentlich. Aber „sei freundlich – sei berlin“? Klingt wie „sei souverän – sei westerwelle“.

Ich habe mir einen griffigeren Öko-Slogan für den Kottbusser Damm ausgedacht: „Schütz Umwelt – oder ’sch mach disch Urban“. Möge er meine Mitmenschen sensibilisieren. Till Hein

Vivantes Klinikum am Urban, Notaufnah- me, Dieffenbachstr. 1, Kreuzberg, Tel. 130 210

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