Was machen wir heute? : Briefkastens Innenleben bestaunen

Wie ein Rentnerdie Stadt erleben kann

Lothar Heinke

Der Rentner kommt aus dem Urlaub und wundert sich über seinen Briefkasten. Wie viel Zuneigung ihm da von wildfremden Menschen entgegengebracht wird! Wie man ihn mit schönen Worten umgarnt, um mit wunderbaren Rot- und Weißweinen, vor allem aber mit seinem Geld der Krise zu trotzen. Die Angebote werden immer sensationeller. „Es gibt viele Möglichkeiten, den Garten zu genießen. Unser Katalog stellt Ihnen die komfortabelsten vor.“ Leider habe ich keinen Garten und schon gar keinen Park, nicht mal eine Terrasse. Also, zum nächsten Angebot. 200 Euro schenkt mir ein Möbelhaus, wenn ich ein Möbelstück aus deutscher Produktion ab 2000 Euro kaufe. Zu spät! Gerade haben wir dort ein Möbel für 2500 Euro erworben, und das alte haben sie mitgenommen, ohne Abwrackprämie. Auch wer zu früh kommt, kann bestraft werden.

Doch wir haben ja noch mehr: Meine Briefmarkensammler-Zeit liegt ungefähr 60 Jahre zurück, doch jetzt kommt ein „persönliches Anrechts-Zertifikat“ mit der Androhung der Original-Briefmarken des letzten Deutschen Wehrmachtssatzes von 1944. Die 13 „ebenso schicksalhaften wie faszinierenden Briefmarken dokumentieren auf eindrucksvolle Weise ein wichtiges Stück deutscher Geschichte“: Da fahren die letzten Kämpfer des Großdeutschen Reiches auf Panzern und Schnellbooten, rattern mit dem MG und schießen mit Raketen direkt aus diesen verblichenen Postwertzeichen, die es zum Spottpreis von 9,90 Euro plus einem Original Reichspfennig gratis als Dankeschön gibt. Spannend bleibt die Frage, woher der Händler 65 Jahre danach die postfrischen „faszinierenden Motive“ hat? Waren sie in den silbernen Kisten, die in irgendwelchen Seen oder Stollen gefunden wurden? Oder in verstaubten Safes der Deutschen Post? Vielleicht bei Herrn Zumwinkel im Keller? Oder einfach neu gedruckt? Ach, egal, nächster Brief: Eine Prostata-Kraft-Reklame. Sie beginnt mit den Worten: „Heute kann ich wieder unbeschwert pinkeln und auch meine Frau freut sich drüber...“ Nun reicht’s aber wirklich! Lothar Heinke

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