Was machen wir heute? : Buchstaben bewundern

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Mein Zug fährt nach „Berlin-Tief“. Das zumindest erklärt die Lautsprecherstimme am Essener Bahnsteig, sie sagt nicht „Berlin“ oder „Berlin-Hauptbahnhof“, nein: „Berlin-Tief“ ist das Ziel. Das ist kein neuer Stadtteil, sondern eine Warnung, denn wer in „Berlin Hbf. (tief)“, wie es offiziell heißt, ankommt, landet im Keller der Hauptstadt. Kalt ist es dort, grau und ungemütlich, und an diesem späten Freitagabend steht auch noch eine ganze Schar von Polizisten – breitbeinig, mit verschränkten Armen – zur Begrüßung am Bahnsteig.

Gut, ich habe mich arrangiert mit dem Hauptbahnhof, und wenn ich an einem der oberen Bahnsteige warte, kann ich den Blick ins Regierungsviertel durchaus schön heißen. Warm geworden aber bin ich nicht mit ihm (wie auch, im eisigen Keller); insgesamt ist mir das Ganze zu wenig Bahnhof, zu viel Einkaufszentrum. Ich bin kein Freund von Einkaufszentren.

Deswegen bin ich auch fast schreiend aus dem Berlin Carré rausgelaufen, einem besonders gruseligen Exemplar. Aber zum Glück habe ich tapfer durchgehalten. Denn oben im ersten Stock liegt eine Wunderkammer: das Schaulager des Buchstabenmuseums. Ein paar engagierte junge Leute, Fachleute für Kommunikation und Design, haben angefangen, die großen Schriften zu sammeln, die vor Läden und Lokalen, oft traditionsreichen Familienbetrieben gehangen haben. Otto Ebeling, die Bewag, die Zille Stube – sie alle gibt es nicht mehr. Wie Grabsteine erinnern die Buchstaben an eine vergangene Zeit. Und an die Kunst der dreidimensionalen Schrift. Zu jedem Objekt gibt es eine Geschichte zu erzählen, etwa die des Rentners, der das W der Spedition W. Hamacher an der Bundesschleife vor der Entsorgung rettete.

Es ist ein Museum im Werden, das Ladenlokal im Carré steht nur befristet zur Verfügung. Vielleicht hat ja jemand eine nette Fabriketage, in dem die Schriftzüge ihre volle Schönheit entfalten können. Susanne Kippenberger

Schaudepot Buchstabenmuseum, Karl-Liebknecht-Straße 13, www.buchstabenmuseum.de. Nebenan liegt das gerade für West-Berliner ethnologisch faszinierende Geschäft „Ost-Paket“.

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