Was machen wir heute? : Buchstaben glauben

Wie eine Mutterdie Stadt erleben kann

Dorothee NolteD

In jeder Familie kommt der Moment, wenn der Erstklässler auf die Cornflakes-Packung starrt und plötzlich, Erleuchtung in den Augen, aufblickt: „Da steht: für den Tag!“ Wie, für den Tag? „M-Mehr Sch-Sch- Schub für den Tag!“ Das ist das Urerlebnis, auf dem alle weitere geistige Betätigung fußt: die Erkenntnis der Schrift, das Erlebnis der Kraft der Buchstaben. Beinahe gewalttätig treten sie in unser Leben, plötzlich spritzt Sinn auf in einer beliebigen Zeichenfolge, feuern die Synapsen in höchster Aufregung.

Bei uns kam dieser Moment, als wir in den Herbstferien im Flugzeug saßen, um in die Türkei zu reisen. Lucas lehnte sich zu mir herüber und sagte: „Da steht ja: DER (wunderbar, mein Kleiner!) LSD-TRIP (ja!) DAU-ER-TE (ja, ja!) DIE GAN-ZE NA-CHT (jaaaa!)!“ Diese Überschrift über einem Interview mit der Schauspielerin Irm Hermann war Lucas’ erster vollständig gelesener Satz. Wir glühten vor Stolz.

In der Türkei angekommen, fand ich im Hotelzimmer einen handschriftlichen Brief vor. „Lieber Nolte!“, las ich Lucas vor, „Sie werden in unseren Spa-Center all ihre Sorgen und Probleme vergessen und danach als volling neuer Mensch mit fischer Energie in den Tag starten.“ Buchstabenhörig, wie wir im Moment sind, eilte ich sofort los. Und tatsächlich: Als völlig neuer Nolte entstieg ich dem Spa und konnte mich ums Verrecken nicht mehr an meine Probleme erinnern. Stattdessen las ich mit Lucas die Brandschutzbestimmungen an der Hoteltür. Sie endeten mit: „Versemmeln Sie sich unten am Haupteingang!“ Siehst du, sagte ich zu Lucas, in einem einzigen Buchstaben steckt der Unterschied zwischen einer geordneten Evakuation und einer ausgewachsenen Keilerei. Es gibt nichts Stärkeres als die Schrift, außer vielleicht ein LSD-Trip. Dorothee Nolte

Zum Vormerken für Papier- und Buchstabenfreaks: Im Deutschen Technikmuseum eröffnet eine neue Daueraussstellung zur Papiertechnik mit einem „vorweihnachtlichen Papierfest für die Familie“ am 14. Dezember von 10 bis 17 Uhr (www.dtmb.de).

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