Kultur : Was machen wir heute?: Bücher hören

Harald Martenstein

Manchmal fragen die Leute: "Liest ihr Kind eigentlich dieses Zeug, das Sie so schreiben?"Dann antwortet man ja, natürlich, immer, jeden Artikel diskutieren wir eifrig beim Abendessen"und so weiter. Aber das ist gelogen. Das Kind liest nicht. Es ist dem Kind völlig egal, was in der Zeitung steht. Muss man sich Sorgen machen?

Die pädagogischen Berater behaupten: Jungen lesen später als Mädchen. Das ist mit dem Lesen ähnlich wie mit der Pubertät, also dem Rumknutschen. Jungen fangen einfach mit fast allem später an. Sie holen dann aber auf. Wenn erst mal die Motivation da ist, sagen die Berater. Motivation! Mit Motivation geht alles im Leben wie nix.

Wie aber bekomme ich Motivation in das Kind hinein? Vielleicht lässt sich Motivation tröpfchenweise durch das Ohr in das Kind einfüllen. Also wird vorgelesen. Das Kind hört gerne zu. Es mag Literatur. Es bevorzugt die Klassiker, sein Geschmack: tadellos. Es schätzt Mark Twain und findet Kästner amüsant oder sogar köstlich, es verehrt Saint-Exupéry über alles, respektiert Hermann Melville, vergöttert Robert Louis Stevenson und findet Alexandre Dumas, na ja, so weit ganz okay. Harry Potter? Sowieso. Das Einzige an der Weltliteratur, was es nicht mag, ist der Vorgang des Lesens. Manchmal läßt es sich nach langem Bitten dazu herab, zwei oder drei Sätze oder sogar einen kleinen Absatz zu entziffern. Danach verzieht es das Gesichtchen, ruft "Schluss jetzt! Nein, nein! Lies vor!"und lässt sich erschöpft zu Boden fallen.

Ich mag nicht mehr vorlesen. Nun kaufen wir also Hörbücher. Kulturpessimisten mögen Hörbücher nicht, denn das Hörbuch erspart dem Leser die Anstrengung des Lesens, es macht Geräusche, pfui! Auch die Buchhändler behandeln den Hörbuch-Käufer mit deutlich reduziertem Respekt. Nach dem Käufer von Pornographie und dem Käufer von rechtsradikalem Schriftgut ist der Hörbuch-Käufer in den Augen der Buchhändler überhaupt die drittniedrigste Kategorie menschlicher Existenz. Wer in einer Buchhandlung ein Hörbuch kauft, wird behandelt wie jemand, der an der Theke einer Pilsbar nach einem Glas Buttermilch verlangt. Gibt es eigentlich pornographische und gleichzeitig rechtsradikale Hörbücher? Darüber, wie man so etwas kauft, ließe sich gewiss eine spannende Sozialreportage schreiben.

Wir sind jetzt auf Versandhandel umgestiegen. Wir lassen uns die Hörbücher in neutralen Päckchen diskret in die Wohnung schicken. Und das Kind hört und hört. Die pädagogischen Berater sagen: So wird das nie was! Das Hörbuch erspart dem Kind die Anstrengung des Lesens! Aber was soll ich tun? Soll denn der kleine Geist auf ewig in den Verliesen der Unwissenheit gefangen bleiben? Oder soll er fliegen lernen, empor zu Mark Twain und Antoine de Saint-Exupéry? Nein, nein, lieber schleiche ich mich morgen in der hereinbrechenden Dämmerung wieder zum Briefkasten und hole ein neues Päckchen ab.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben