Was machen wir heute? : Chatten

Wie eine Mutter die Stadt erleben kann

Heike Jahberg

Es begann ganz harmlos. „Ich meld’ dich mal an“, sagte eine Freundin. Das war irgendwann im Sommer, seitdem hat Tom einen Account bei Schüler VZ. Am Anfang hat ihn das nicht weiter interessiert. Gelegentlich trudelte eine Nachricht ein, beantwortet wurde die meist nicht, dann war wieder wochenlang Funkstille.

Jetzt ist das anders.

Jeden Tag ist unser Maileingang vollgestopft mit Nachrichten fremder Menschen. Jeden Abend ist Tom damit beschäftigt, seine Korrespondenz zu erledigen. Was er schreibt und wem er schreibt, weiß ich nicht. Ich habe versprechen müssen, mich herauszuhalten, das tue ich auch.

Auch wenn es schwerfällt. Denn für mich ist in unserer Mailbox jetzt kein Platz mehr. Neben den Chatpartnern und -partnerinnen meines Sohnes laufen auch noch die Internet-Schachnachrichten meines Gatten ein. Um meine Mails zu lesen, muss ich vorbei an Franziska (Name geändert), Toni und Timo (Namen geändert), die Nachrichten geschickt haben, an Sigisfried, der E2-E4 gezogen hat, und an SchwarzerHopser, der sich von C5 nach D6 gewagt hat. Die wenigen Nachrichten, die für mich sind, entdecke ich kaum. Und nun wird alles noch schlimmer. Denn jetzt ist auch noch das jüngste Familienmitglied online. Auch Linda ist jetzt bei Schüler VZ.

Vielleicht sollte ich mich auch in das System einschleusen. Ich gebe mir einen neuen Namen, mache mich 35 Jahre jünger und knüpfe dann Kontakte zu meinen Kindern. Während sie in der Schule sind, schicke ich ihnen lehrreiche und pädagogisch wertvolle Ratschläge. Mein Pseudonym wird ihnen sagen, wie cool es ist, Hausaufgaben zu machen. Und es wird sie auch davon überzeugen, früh ins Bett zu gehen, um am nächsten Morgen frisch und gut auszusehen.

Sollten Sie mir mir kommunizieren wollen, schließen Sie sich an. Gehen Sie ins Internet, suchen Sie sich eine neue Identität. Dann schicken wir uns Mails, ganz viele.

www. schuelervz.net

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