Was machen wir heute? : Claus Peymann bewundern

David Ensikat

Ein junger Mann mit gebügeltem Hemd und zerfurchter Stirn saß in der U-Bahn und las ein Buch, das er hoch vor seine sehr eckige Brille hielt. „Denke nach und werde reich“, so hieß das Buch.

Das ist wohl die Stufe eins des Erfolgs: U-Bahn fahren, Stirn kräuseln, „Denke nach und werde reich“ lesen. Die zweite Stufe dürfte, wenn ich den Titel richtig verstanden habe, im Nachdenken bestehen, die dritte im Reichwerden. Wenn das Buch was taugt, so ist in ihm auch die vierte Stufe beschrieben: Reich sein, im Auto sitzen, über den Stau nachdenken, und wie er das Leben verlangsamt, und ob es damals, in der U-Bahn nicht besser war, denn da ging’s irgendwie noch vorwärts.

Ich habe in der U-Bahn ein 20 Jahre altes Interview mit Claus Peymann, dem Theatermann, der am liebsten peinliche Dinge sagt, gelesen, ein wunderbares Interview, sehr peinlich (man sollte sowieso viel mehr Dinge lesen, die vor langer Zeit veröffentlicht wurden, als die ganzen aktuellen Sachen; Peymann-Interviews zum Beispiel mögen mit den Jahren noch peinlicher geworden sein, aber bestimmt nicht besser). Peymann erzählt, wie ihn Kurt Waldheim, der österreichische Bundespräsident, mal geküsst hat, weil ihm eine Peymann-Aufführung so sehr gefallen habe, eine, die von allen Kritikern verrissen wurde, und wie peinlich das war. Dann beschimpft er noch etliche Kollegen. Außerdem sagt er stolz, dass er „zu den teureren Regisseuren“ gehöre, obwohl ihn Geld eigentlich gar nicht interessiere. Und schließlich dies: Was machen Sie, wenn Sie allein sind? – „Ich lese. Ich bin, das muss man auch einmal sagen, ein relativ gebildeter Mensch, weitaus gebildeter als die meisten anderen Regisseure.“ – Gebildet, aber frei von Gedanken. – „Ja, ist doch herrlich!“

Das klingt überzeugend. Peymann müsste man sein! Ohne Nachdenken reich werden. Und gebildet noch dazu. Fährt Peymann eigentlich U-Bahn? David Ensikat

André Müller: Im Gespräch mit …, rororo. Und überhaupt alle Müller-Interview-Bände!

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