Was machen wir heute? : Darwin befragen

Wie eine Mutterdie Stadt erleben kann

Dorothee Nolte D

Im Darwin-Jahr denke ich oft darüber nach, wie die Kräfte der Evolution in unserer Kleinfamilie wirken. Denn ich sehe in meinen Kindern fremde Talente wachsen, deren Herkunft ich mir schwer erklären kann. Während ich in meinem Leben über Strichmännchen nie hinausgekommen bin, sitzt Timmy, 9, stundenlang am Tisch und zeichnet: Motorradfahrer im Sprung, Pokémons beim Angriff, Vögel im Sturzflug. Ein Bleistift reicht ihm zu seinem Glück. „Farben interessieren mich nicht“, sagt er mit der Sicherheit eines Künstlers, der sich auf dem richtigen Weg weiß.

Schon klar, würde Darwin sagen: Hier tobt sich ein Gen des Architekten-Vaters aus. Aber wie würde er Lucas, den Erstklässler erklären? Äußerlich ist das Kind ein Klon seines Vaters und mit mir nicht verwandt. Sein hervorstechendes Talent ist seit Menschengedenken in keiner der elterlichen Familien aufgetreten: Der Junge liebt die Mathematik. Hingebungsvoll zählt er bis 700 und liebkost jede Zahl in seinem Mund wie ein Bonbon. „Gib mir Rechenaufgaben!“, bettelt er, und sage ich „fünf mal fünf“, jubelt er: „Hach, ist das ein Vergnügen!“ Auch eine falsche Lösung entmutigt ihn nicht: „Da habe ich einen Scherz gemacht!“ Mit Vererbung, Selektion oder Anpassung lässt sich das nicht erklären. Etwa eine spontane Mutation?

Am meisten beneide ich meinen Jüngsten um eine andere Mutation: um sein Talent zum Glücklichsein. Sein positives Weltbild wird durch kleinere Unglücksfälle oder Gemeinheiten nur minutenweise gestört und schließt sich sofort wieder zu einem rosaroten Panorama. „Weißt du, welche Pizza die leckerste in meinem Leben war?“, fragt er zum Beispiel. Und gibt sich selbst die Antwort: „Jede!“ Mal ehrlich: Ist das nicht Höhe- und Endpunkt der Evolution? Wohin wollen wir noch? Mister Darwin, antworten Sie! Dorothee Nolte

Zum 200. Geburtstag Darwins eröffnet das Naturkundemuseum am 12. Februar die Ausstellung „Darwin - Reise zur Erkenntnis“. Um 15 Uhr stellt Katrin Hahnemann jungen Lesern ihr Buch „Charles Darwin – Wer ist das?“ vor.

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