Kultur : Was machen wir heute?: Das Fahrrad aufpumpen

Lorenz Maroldt

Berlin muss sich an neue Bilder gewöhnen.

Zum Beispiel an die von Dr. Frank Steffel, den uns der frühere Radunski-Lautsprecher Axel Wallrabenstein als eine Art Kennedy von der Spree verkaufen will. Motto: Die neue Kraft - Dr. Frank Steffel.

Eines dieser Bilder, frei zur Verwendung nur in der freien Presse, zeigt die neue Kraft mit seiner jungen, blonden Frau, die Jackie allerdings nicht sehr ähnlich sieht (wer wird eigentlich die Marilyn Monroe an seiner Seite?); ein anderes Bild zeigt Dr. Frank Steffel allein auf einem berühmten Alt-West-Berliner Polit-Schlachtfeld: auf der Avus.

Einen Fuß auf die Leitplanke gesetzt, den Pullover lässig über das offene Hemd geworfen, die strahlenden Zähne entblößt, im Hintergrund den berühmten Mercedes-Turm, über ihm ein Schäfchenwölkchen am blassblauen Berliner Dunst - so steht er da mitten auf der Autobahn herum, unser Dr. Frank Steffel. So könnte auch das Titelbild eines Arztromans aussehen. Aber das hier ist Wahlkampf. Nur: was will Steffel uns damit sagen? Deutet sich da ein heißes Thema an? Schluss mit Tempo 100! Freie Fahrt für freie Berliner! Die DDR darf endlich nicht mehr schon am Funkturm beginnen!

Die DDR? Wir erinnern uns: Gegen den Widerstand wild gewordener West-Berliner Raser und der CDU hatte der erste rot-grüne Senat 1989 die historische Chance genutzt, noch schnell vor dem Fall der Mauer auf den wenigen Autobahn-Kilometern zwischen Charlottenburg und Babelsberg die volkseigene Betriebsgeschwindigkeit von 100 Stundenkilometern einzuführen. Dabei ist es, trotz der bald folgenden zehn Jahren Diepgen, bis heute geblieben.

Damals war das ein Schock. Der freie Westen: gegängelt von Mompers "Unser-Dorf-soll-schöner-werden"-Freaks. Aber das Volk gewöhnte sich an die Bummelstrecke, wahrscheinlich auch deshalb, weil es plötzlich ab Babelsberg Gas geben konnte. Auf der Avus wurden nun eben die Reifen und das Motoröl warm gefahren.

Aber echte Fans litten weiter, und es sollte noch schlimmer kommen. Berlin begann zu sparen. Bausenator Jürgen Klemann, CDU, schaltete die berühmten Avusleuchten aus. Das hatte zwar den Vorteil, dass man jetzt wenigstens nachts die Tempo-100-Schilder nicht mehr sah, aber, und jetzt kommt der Nachteil: auch die Polizeiautos nicht. Selbst das nahm das Volk hin, irgendwie. Doch was geschieht jetzt, nach dem abermaligen Machtwechsel? Werden uns rotgrünbärtige Lehrer mit Parlamentsmandat und Dienstfahrrad noch einmal auf die Spaßbremse zwingen? Schnell noch Tempo 60 auf der Avus anweisen, bevor die Reaktion in Gestalt von Dr. Frank Steffel wieder auf die Tube drückt? Autos gar ganz verbieten?

Kann schon sein. Aber niemand sollte unvorbereitet in diese unsicheren Zeiten ziehen. Am besten: das Fahrrad aus dem Keller holen und die Reifen aufpumpen.

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