Kultur : Was machen wir heute?: Das Gesicht bräunen

Markus Huber

Weiß gar nicht, wo ich anfangen soll. Miese Grundstimmung, und sie wird immer mieser, je tiefer sich die Wolkendecke über die Stadt senkt.

Beispiele gefällig? Gerne, habe ich massig von: Neulich haben mich diese Typen vom "Hallo-Pizza-Schönen-Abend-Ihre-Bestellung-bitte" 90 ewig lange Minuten auf meine Pizza Barbecue warten lassen. Als die Lieferung endlich ankam, war die Pizza so kalt wie das Bier eigentlich hätte sein sollen, das wiederum Pizza-Temperatur hatte. Dann wurde mein Auto umgestellt, obwohl ich nur ein klitzekleines bisschen in die Kreuzung geparkt hatte. Der dicke Benz, der noch weiter in die Kreuzung geparkt hatte, wurde natürlich nicht umgesetzt. Dann erfahre ich, dass Loddar Matthäus ausgerechnet Ali Daei, Herthas prominentesten Bettvorleger, zu meiner Rapid nach Wien holen möchte.

Und dann kam der neue IKEA-Katalog. Er warf mich endgültig aus der Bahn. Es ist nämlich so: Der IKEA-Katalog war schon immer ziemlich wichtig für mich. Schon in Wien freute ich mich den ganzen September hindurch auf den Hochglanz-Prospekt aus Schweden-Land, und als er dann endlich eintraf, war ich zwei Tage lang nicht aus der Wohnung zu bewegen. Meine besten Freunde - allesamt Jungs, die sich selbst genügen - machten deswegen immer bedeutungsschwangere Witze. Aber sie irrten sich. Kein Witz.

Der IKEA-Katalog also. Das spannende daran sind weniger die neuen Ivars, Husars oder Merakers, die sowieso immer gleich aussehen, nein, es geht um die Fotostrecken im vorderen Teil. Meilensteine allesamt, Spiegelbild der Gesellschaft, in der ich gerne lebe. In den vergangenen Jahren zielte IKEA immer auf Yuppies oder solche, die es noch werden wollten. In den Fotostrecken sah man gut aussehende Singles, die ihre tollen Wohnungen spärlich mit IKEA-Zeug möblierten. Im Vorjahr waren die Helden zwei Juppies, die gerade ein Kind bekommen hatten. So was von treffend, dass genau zu diesem Zeitpunkt auch meine Tochter auf die Welt kam.

Aber jetzt?

Zwei Fotostrecken - die Familie mit drei Kindern, die in einem bunten Alptraum haust und der Jugendliche, der gerade seine erste Wohnung mit Pappmöbeln dekoriert. Was soll das? Das Projekt Zwillinge will ich nicht angehen, und mich von Frau und Kind zu trennen, fällt ebenfalls schwer. Was das alles mit Berlin zu tun hat? Viel. In Wien würden mich derartige Schicksalsschläge nicht aus der Bahn werfen. Da würde ich die Nase in die Septembersonne halten, ein Bier im Gastgarten trinken und alles wäre gut. Aber hier? Mag nicht mit der Heizdecke in den Gastgarten, und die Septembersonne gibt es nur im Fernsehen.

Vorgestern kam ein Freund zu Besuch und behauptete, er hätte die Lösung meines Problems dabei. Er stellte mir ein Gesichtssolarium auf den Tisch.

Ob es hilft? Siehe oben.

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