Was machen wir heute? : Das Hochwasser verschlafen

Wie ein Ost-Berliner die Stadt erleben kann - mit Frank Schirrmachers neuem Buch.

David Ensikat

Ich kam aus Venedig wieder und bedauerte, dass ich nichts über Venedigs Untergang schreiben konnte, weil ich das Hochwasser verschlafen hatte, es stand nur einen Vormittag lang hoch, am Mittag floss es schon wieder tief durch die Kanäle.

Zurück in Berlin erkundigte ich mich, was hier geschehen war, während ich geschlafen und anschließend die byzantinischen Einflüsse auf die spätmittelalterliche venezianische Baukunst bewundert hatte. Ich erfuhr, dass der Chefalarmist des deutschen Feuilletons Frank Schirrmacher wieder eine gefährlich unterschätzte Zeitenwende entdeckt und prompt ein Buch darüber veröffentlicht hatte. Sieh einer an, dachte ich, während du das Hochwasser verschläfst, legt der längst den Finger in eine ganz neue Wunde.

Es geht, so erfuhr ich, um unseren Umgang mit den Informationstechniken, Internet, Handy, all das, und wie all das unser Denken beansprucht und unseren Alltag verändert. Stimmt, dachte ich, das ist ein großes Thema. Das denkt man ja immer, wenn es ein neues Schirrmacher-Buch gibt, dann liest man eine Rezension in der „Zeit“ dazu, staunt, wie er es wieder hinbekommen hat, dass Beckmann und „Bild“ ihn interviewen, und vergisst die ganze Sache, woraufhin er sich auf die Suche nach dem nächsten großen Ding macht.

Zu seinem derzeit großen Ding darf ich sagen: Ich begrüße die neuen Techniken aufs Herzlichste, etwa die Navigationsfunktion in meinem Mobiltelefon. In Venedig war sie äußerst hilfreich. Ich sehe jedoch auch die Probleme: Man schaut halt nur aufs Telefon.

Aber nur im Freien, denn in Räumen funktioniert die Navigation nicht. So habe ich, der Technik sei Dank, kein allzu schlechtes Gewissen, das Hochwasser verschlafen zu haben. Es fand meines Wissens vor allem im Freien statt, und im Freien hätte ich den Blick von meinem hochmodernen, wegweisenden Telefon nie abgewandt. David Ensikat

Frank Schirrmacher: Payback, 240 Seiten, Karl-Blessing-Verlag, 17,95 Euro.

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