Was machen wir heute? : Das Industriezeitalter begraben

Plümper

Dunkel ist es in der Neuen Nationalgalerie, sehr dunkel. Hinter Nähmaschinen erhebt sich eine übermannshohe Mauer, geschmiedet aus schwarzblauen, unbehandelten Stahlplatten, die von großen Kohlebrocken gekrönt werden.

Der Rentner und sein Künstlerfreund stehen vor alten, abgelebten Tischen, auf ihnen antiquierte Nähmaschinen. Dazwischen Jutesäcke, gefüllt mit der energiereichsten Kohle, dem Anthrazit. Hinein ins Labyrinth der Eisenmauern: Vor einer Tafel mit der Aufschrift „Liberta o Morte“ und den Namen Robespierre und Marat steht ein betender Mann. Weiter im Labyrinth: ein Ei auf einer Säule, später eine tote Fliege auf einem Wattebausch. Im Allerheiligsten stehen Kohlesäcke im Rund.

Immer wieder werden Gegensätze betont: Stoffe werden in Blei gerollt und unter Steinplatten begraben. Lebensmittel – Erbsen, Linsen, Kichererbsen, Kaffeebohnen – werden in alten, schmutzigen Jutesäcken präsentiert; schwarze Mäntel hängen an Fleischerhaken; zersplitterte Bretter werden zu einer Wand geordnet oder unter einer Grabplatte fein säuberlich begraben. Aus einem zugebundenem schwarzen Sack hängen menschliche Haare. Der Künstlerfreund assoziiert die Säcke mit den KZs, in denen die Haare der Ermordeten gesammelt wurden. Auf genauso verbrauchten Tischen wie bei den Nähmaschinen liegen sechs Kirchenglocken. Innerhalb des Stahlplattenlabyrinths werden die Hinweise auf menschliche Tätigkeit und menschliches Leben immer einzeln präsentiert. Nun stehen sie nach anderthalb Stunden wieder vor den Nähmaschinen. Etwas traurig blickt der Rentner auf sie herab: Mit ihnen habe doch alles angefangen, die Industrialisierung mit der Textilindustrie und später mit Kohle und Stahl. Und all das sei vorbei und doch noch da, nur die Menschen fehlten. Das stählerne Gehäuse des Kapitalismus aber stehe, anscheinend ewig und unverletzlich. Plümper

Jannis Kounellis, 8. November 2007 - 24. Februar 2008, Neue Nationalgalerie, Potsdamer Str. 50 in Tiergarten.

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