Kultur : Was machen wir heute?: Das Parkett streicheln

Dorothee Nolte

Mit der Monogamie ist es ja so eine Sache.

Sie ist für die Kinderaufzucht förderlich, schafft Seelenfrieden und ist ab einem gewissen Alter einfach das vernünftigste Modell. Manche halten sie für die Basis der Zivilisation oder die Keimzelle der Gesellschaft. Alles schön und gut! Aber einen Nachteil hat sie doch: Sie macht träge.

Nach ein paar Jahren Monogamie fährt einem beim Anblick des Lebenspartners kein wohliger Schreck mehr in die Glieder. Wenn der Kindsvater und ich uns im Wohnzimmer treffen, dann erbeben unsere Herzen nicht, am Frühstückstisch sprechen wir nicht mit zitternder Stimme, und wenn wir uns einmal für drei Tage trennen müssen, brechen wir nicht in Tränen aus. Wir begegnen einander in elterlicher Gefasstheit. Ein bisschen Abwechslung im Geiste tut daher jeder Mutter gut. Fragt sich nur: Wo findet man sie? Auf dem Spielplatz knistert die Atmosphäre nicht gerade vor Erotik, und am Arbeitsplatz ist eine losgelassene Fantasie eher lästig. Nein, nein! Der natürliche Ort für ein bisschen Abwechslung im Geiste ist das Ballhaus Rixdorf.

Zur Tango-Nacht in den Neuköllner Hinterhof-Saal kommen perfekt gebaute junge Frauen in hochgeschlitzten Pailletten-Kleidern ebenso wie Fünfzigjährige im Kostümchen, aber garantiert keine Kinder. Tango ist ein Erwachsenen-Tanz zu erwachsenen Klängen, und es ist der Tanz, bei dem man sich am stärksten auf den Partner einstimmt, sei es nun der angestammte oder ein anderer. Der Kindsvater und ich, eigentlich seit Jahren dem Quickstep und dem Cha-Cha in strenger Einehe verbunden, haben erst ein paar kleine Seitensprünge in Richtung argentinischer Tango gewagt. Noch beherrschen wir gerade mal den Grundschritt, die "base". Kein Problem! Als Frau hat man ja den Vorteil, dass man sich führen lassen kann. Gerade erfahrene Tango-Tänzer tanzen angeblich besonders gerne mit Damen, die kaum wissen, wie sie ihre Füße setzen sollen. Zu diesem Zweck hat der Herrgott mich in die Welt gesetzt.

Am schönsten, versichern diese erfahrenen Tango-Tänzer, ist so eine Tango-Nacht im frühen Morgengrauen, wenn nur noch wenige verlorene Paare mit weichen Sohlen das Parkett streicheln. Dann gewinnt die "base" eine schmerzliche Intensität, dann seufzt das Bandoneon voller Hingabe und Sehnsucht, dann spüren die locker getanzten Muskeln jeden Atemzug, jede kleinste Regung des Partners. Irgendwann weiß man nicht mehr, mit wem man tanzt und wo man ist. In Buenos Aires? In Gelsenkirchen? Oder vielleicht im Himmel?

Derartige Ekstasen erlebt eine brave Mutter nicht mit. Zu diesem Zeitpunkt liegt sie längst wieder im heimischen Bett, nachdem der Babysitter, Verwünschungen ausstoßend, die Treppe zum Nachtbus hinabgestolpert ist, an ihrer Seite schlummert der Lebenspartner, im Nebenzimmer das leise grunzende Kind. Ach Monogamie, wie bist du gemütlich! Aber ein bisschen träumen wird man ja wohl dürfen.

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