Was machen wir heute? : Das Putzige verabschieden

Wie ein Neuberliner die Stadt erleben kann - im Mehrgenerationenmarkt einkaufen.

Anselm Neft

Ich schlurfe in meiner schlotternden Jogginghose durchs Viertel und stelle fest: Ich bin der Älteste hier. Im Umkreis von 500 Metern nur junge, energiegeladene, ausgelassene Menschen. In der Blüte ihres Lebens. Voll im Saft. Vielleicht liegt es nur an meiner Erkältung, dass mir die anderen so fidel erscheinen. Vielleicht sind die gar nicht viel jünger. Bloß gesünder. In zwei, drei Tagen misch ich da wieder mit.

Eine Clique schlabbert an mir vorbei. Teenager. Die Mädchen in knielangen Nachthemden und mit insektoiden Riesensonnenbrillen. Die Jungen dünn wie der Suppenkasper im Endstadium. Nein, wenn ich ehrlich bin: da misch ich sicher nicht in zwei, drei Tagen mit.

Vermutlich ist das Problem gar nicht meine Erkältung sondern die Wahl des Zeitpunktes.

Vielleicht sollte ich mir einfach angewöhnen früher aufzustehen. Gegen sieben Uhr sollen auch in diesem Viertel ältere Menschen gesichtet worden sein – die Rollwagen-Mafia, die Grauen, die Gruftis. Die Nazis wie sie die Jugend gerne kosend nennt.

Vielleicht liegt es auch bloß an den Touristen. Diese jungen amerikanischen Pärchen in ihren Flitterwochen. Diese Partyspanier mit ihren rührenden Frisuren. Diese multikulturellen Musiker / Malerinnen / Grafik-Designer / Video-Installateurinnen aus London, Tokio oder Stuttgart-Degerloch. Unter denen hat sich rumgesprochen, dass man in Berlin billig Alkohol trinken kann, deshalb geht es in meinem Viertel auch zu wie auf der Fähre von Göteborg nach Kiel.

Aber ich will nicht meckern. Ich bin aus ähnlichen Gründen hergekommen. Nur habe ich das dumpfe Gefühl, dass mir das Putzige mehr und mehr abhanden kommt. Zwischen angeheiterten Zwanzigjährigen und einem alternden Tunichtgut spannt sich ein nicht unbeträchtliches Image-Gefälle. Aber in meinem Alter weiß man: Dich selbst kannst du nicht mehr ändern, nur noch dein Umfeld. Anselm Neft

„Mehrgenerationenmarkt“ (Kaisers), Andreasstraße 59 (Nähe Ostbahnhof)

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