Kultur : Was machen wir heute?: Das Stofftier quälen

Die 1. Internationale Wintersportolympiade fü

Trudi ist eine ziemliche Lusche. Eine Niete, wie man sie sich schlimmer nicht vorstellen kann. Das einzig Positive ist, dass ich meine Trudi-Beschimpfungen gefahrlos loswerden kann, denn lesen kann Trudi nicht.

Im Grunde kann Trudi gar nichts. Kann nicht singen und nicht tanzen, kann nicht sprechen und nicht laufen, kann noch nicht mal essen, trinken, rauchen oder andere Dinge tun, die Spaß machen. Bisher war das alles kein Problem, denn Trudi, das Plüschschaf, ist das Lieblingsstofftier meiner Tochter, und da meine Tochter selbst im Grunde genommen noch wenig bis nichts kann, ergänzen sie sich ganz gut. Doch die Dinge haben sich geändert. Trudi ist kein gewöhnliches Stofftier mehr, sie ist Olympionikin.

Am Samstag und Sonntag findet in Berlin die "1. Internationale Wintersportolympiade für Stofftiere und Puppen", kurz WOSP, statt. In drei Disziplinen - Skisprung, Bungee-Jumping und Eisschnelllauf - geht es dabei um Medaillen, und weil mir als Österreicher der olympische Gedanke allmählich auf den Geist geht, habe ich beschlossen, dass Trudi nicht nur mitmachen wird. Wir wollen Gold.

Seit Tagen arbeiten wir deswegen nach einem streng wissenschaftlich ausgetüftelten Trainingsplan. Morgens nimmt sie die Frau an meiner Seite zu ihrem täglichen Waldlauf mit. Nachmittags gibt es Krafttraining, nach einigen technisch-taktischen Besprechungen am frühen Abend bekommt Trudi dann von meiner Tochter eine Ganzkörper-Shiatsu-Massage verpasst. Trotzdem, nach knapp zehn Tagen Training geht mir Trudis Unfähigkeit allmählich auf die Nerven. Anfangs wollte ich sie im Eisschnelllauf starten lassen, doch den Plan habe ich mittlerweile verworfen. Mit ihren langen Segelohren wirkt sie auf Kufen nicht unbedingt grazil. Ähnlich dumm stellt sie sich beim Bungee-Jumpen an. Sie fällt vom Esstisch einfach nur pfeilgerade nach unten und schlenkert dabei zweimal schlapp mit den Ohren. Ich meine, wer soll ihr dafür Punkte geben?

Bleibt nur noch das Skispringen, das am Wochenende bei der WOSP von der kleinen Holzschanze gesprungen werden soll. Trudis Schlappohren eignen sich gut als Tragflächen, und wenn ich laut genug "Flieg" brülle (allerdings von hinten unten, Anm.) dann bringt das zusätzliche Zentimeter. Ich hoffe also, und seitdem meine österreichischen Skidamen im Ganzen und mein Herren-Slalomteam im Speziellen so hinten nachfahren, wird die Trudi-Sache immer mehr zur nationalen Angelegenheit. Österreich braucht Gold, und wenn es nur bei den Spielen für Stofftiere ist.

Wenn es am Wochenende übrigens nicht klappt, dann tritt Plan B in Kraft. Ich unterziehe Trudi einer Geschlechtsoperation, schenke das Vieh dem deutschen Spielgefährten meiner Tochter und taufe das Vieh kurz vor der Siegerehrung "Martin Schmitt" um. Das wird lustig. Und meine Tochter? Weil sie noch gar nichts kann, kann sie sich auch nicht wehren. Markus Huber

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