Was machen wir heute? : Das Veloziped antreiben

Wie ein Rentnerdie Stadt erleben kann

Lothar Heinke

Alles hat seine Geschichte, auch Fahrräder. Ich meine nicht gerade meine graue Mühle Marke „Mifa“, die eigentlich längst ins Museum gehört und letztens im Café am Neuen See heftig von Raritätensammlern umworben wurde – nein, ganz allgemein: Den Wurzeln des Radfahrens kommt man im Quartier 205 in der Friedrichstraße ganz nah. Hier stehen zwei Dutzend gut gepflegte Uralt-Drahtesel aus den letzten beiden Jahrhunderten als Ausstellungsstücke zwischen den Schaufenstern, und da merken wir, dass die Urform des Velozipeds eigentlich fast unverändert gut durch die Jahrzehnte geradelt ist. Die Laufmaschine von Karl Friedrich Drais von Sauerbronn aus dem Jahr 1817, ein lenkbares Holzfahrzeug, war sicher eine Sensation, an der sich fortan die Bastler und Erfinder austoben konnten. Sie brauchten immerhin 50 Jahre bis zum Kurbelantrieb am Vorderrad, und über den Umweg des Hochrades kamen die Entdecker zum Niederrad mit Kettenantrieb. Das Fahren war reine Nerven-, aber auch fast nur Männersache; Damenfahrräder aus der Zeit vor 1900 sind selten, noch bis in die sechziger Jahre legten die Frauen beim Fahren gschamig eine Hand auf ihren Oberschenkel, um das als unmoralisch empfundene Hochfliegen des Rockes zu verhüten. Als dann Hosen den Rock abgelöst hatten, konnten sich die Damen wieder beidhändig dem Verkehr hingeben.

Heute ist die Frage Herren- oder Damenrad ein wenig vom Geburtsdatum abhängig: Wer als Mann Probleme damit hat, das Bein über den Sattel zu schwingen, muss den unkomplizierten Ein- und Ausstieg eines Damenfahrrads wählen. Er vergibt sich damit nichts. Ob Alt oder Jung – Fahr Rad! hat die Stadt erobert (leider auch Gehwege und Bürgersteige). Immer noch perfektionieren sie die Fahrmaschinen mit Sattelstütz-Federungen, Patentstützen, Kettenfängern, x-Gangschaltungen zum vierstelligen Anschaffungspreis. Aber es bleibt doch immer – unser guter alter Drahtesel. Lothar Heinke

Fahrräder von einst im Quartier 205, Friedrichstraße, bis 18. 6. , Eintritt frei.

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