Was machen wir heute? : Dem Biorhythmus folgen

Sigrid Kneist

Es wird Zeit. Höchste Zeit. Charlotte braucht Ferien. Unsere Tochter muss endlich wieder nach ihrem Biorhythmus leben dürfen, selbst wenn es nur für ein paar Wochen im Jahr ist. Denn es ist doch so: Die Menschheit teilt sich in Frühaufsteher und Langschläfer. Das Individuum kann daran wenig ändern; entweder man ist das eine oder andere. Charlotte fällt eindeutig in die Kategorie Langschläfer. Schon immer. Frühes Wachwerden gab es selbst bei Baby-Charlotte nicht.

Leider muss man feststellen, dass das deutsches Schulsystem die Langschläfer eindeutig benachteiligt. Von Chancengleichheit kann überhaupt keine Rede sein. Das belegen sogar Studien. Bundesweit schrillt im Allgemeinen die Schulklingel gegen acht Uhr; dann sollen alle hellwach und aufmerksam im Klassenraum sitzen. Einer Langschläferin kann das nur bedingt gelingen. Zu diesem Zeitpunkt ist ihr gesamter Organismus noch auf Ruhe eingestellt, allenfalls vielleicht auf langsames Wachwerden. Ungefähr 40 Wochen im Jahr müssen Charlotte und ihre Langschläferkollegen damit fertig werden, ständig gegen die Uhr in ihrem Körper zu arbeiten. Eine Anstrengung der besonderen Art, die von niemandem gewürdigt, sondern als vollkommen selbstverständlich hingenommen wird. Oft genug bekommen sie Häme zu spüren. Bist wohl zu spät ins Bett gegangen, heißt es von den munteren Frühaufstehern boshaft, wenn sie müde auf ihrem Stul hängen.

Leider kann ich unserem Kind nur wenig Hoffnung machen, dass die Diskriminierung der Langschläfer nach der Schulzeit ein Ende haben wird. Auch in vielen deutschen Firmen oder Behörden gelten die als fleißig, die als erste zur Arbeit kommen. Dass die im Büro dann zunächst ausgiebig Kaffee trinken und in Ruhe die Zeitung lesen, wissen die Spätergekommenen ja nicht.

Mit der Zukunft belasten werde ich Charlotte jetzt nicht. Sie soll die Ferien genießen. Und ich freue mich über die morgendliche Ruhe. Ich bin Frühaufsteherin. Sigrid Kneist

Der letzte Schultag in Berlin ist der 10. Juli, frühes Aufstehen ist ab 27. August angesagt.

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