Was machen wir heute? : Dem Frühling entgegendämmern

Susanne Kippenberger

Es ist nicht leicht in Berlin, und das Leben hier fordert den ganzen Menschen. Das Jahr geht vom Winterschlaf in die Frühjahrsmüdigkeit, von der Frühjahrsmüdigkeit ins Sommerloch, vom Sommerloch in die Herbstdepression und dann direkt in den Winterschlaf über – und zwischendurch gibt’s Momente, die sind gut.“ Dem Frühling, fährt Christiane Rösinger fort, dämmere man am besten auf dem Sofa entgegen. Am allerbesten dämmert es sich mit dem Buch der Musikerin in der Hand. „Das schöne Leben“ zeigt Berlin, wie es ist, wie es sich am Wochenende mal wieder gezeigt hat – an einem Tag grau in grau, am nächsten strahlend blau –, wie es mal war: damals in den 80er Jahren. Und wie es dann nach der Wende wurde.

Die meisten Neu-Berliner glauben ja, das Leben in der Stadt habe erst mit ihnen angefangen. Aber es gab eine Stadt vor dem Mauerfall. Sie hieß West-Berlin. „Alles war grau, verraucht und kaputt, die Häuser hatten Einschusslöcher, in fast jeder Straße lag ein Grundstück brach. Überall war Verfall und Ruin, und das herausgeputzte saubere Deutschland war ganz weit weg.“ Das ist der Ort, nach dem Rösinger sich gesehnt hat, denn wie die meisten von uns ist sie natürlich nicht an der Spree geboren („echte Berliner gab es nur bei der Polizei, der BVG oder beim Arbeitsamt“), sondern in Baden. In West-Berlin beginnt sie ihr wildes Leben, hier gründet sie die Lassie Singers und die Band Britta und wird Spitzentresenkraft in der Flittchenbar. Rösinger erzählt von West- Berlin und Neu-Berlin so, wie die Stadt ist, witzig, melancholisch, selbstironisch.

Und so dämmert man denn recht fröhlich dem Frühling entgegen. Denn das ist das Schöne an dem Buch: Man kann sich schaudernd ergötzen an dem, was die Erzählerin erlebt. Man sitzt ja sicher auf dem Sofa. Es geht einem wie Rösinger nach der Euroumstellung, als sie sich vor den Fernseher hockt, das sei auch sehr ergiebig und spare Geld für Taxi und Getränke. Susanne Kippenberger

Das schöne Leben, Fischer TB, 8,95 Euro. Für die Buchpremiere mit Musik am 28. März wird die Flittchenbar in Originalgröße nachgebaut.

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