Kultur : Was machen wir heute?: Dem Weihnachtsmann schreiben

Sigrid Kneist

Dass wir Eltern immer weniger dazu taugen, unseren Kindern eine Orientierung fürs Leben zu geben, wird uns regelmäßig bei der Veröffentlichung irgendwelcher großen Studien unter die Nase gerieben. Der Einfluss von Vater und Mutter ist out. Gefragt sind die Gleichaltrigen, die Freunde, die Clique. Soziologen nennen das die peer group, die soll stilbildend sein. Dieser Sozialisationsprozess setzt schon früh ein. Versuchen Sie mal, bei Ihrem Kind etwas durchzusetzen, wenn Marvin, Vanessa oder Ronja dazu eine ganz andere Position verbreitet haben. Ich muss mich wohl damit abfinden, dass für die wichtigen Dinge dieses Lebens in den Augen unserer Tochter andere Autoritäten zuständig ist.

Letztens hat sich die peer group Kindergarten dem nicht uninteressanten Thema zugewandt, wie die Babys entstehen und das folgendermaßen erläutert: Ein nackter Mann legt sich auf eine nackte Frau; das nennt die peer group "sexy machen". Damit ist der Komplex für Charlotte so umfassend geklärt, dass weitere Erläuterungen von uns Eltern völlig überflüssig gewesen wären.

Aber manchmal kommt die peer group mit unerfreulichen Mitteilungen, die einfach nicht stimmen können und unsere Tochter ganz unsicher machen. Dann ist auf einmal das elterliche Wissen gefragt. Jacqueline - schon Hortkind - hat doch tatsächlich behauptet, die Eltern versteckten die Ostereier und nicht der Osterhase. Nicht, dass das gerade bei uns auf der Tagesordnung stehen würde, aber das Thema muss geklärt werden. Wer den Osterhasen leugnet, schreckt bestimmt auch vor Nikolaus und Weihnachtsmann nicht zurück.

Besonders zu letzterem will unsere Tochter allerhand wissen. Wie alt ist der Weihnachtsmann? Hat er Vater und Mutter? Wie findet er den Weg? Wo kriegt er die ganzen Geschenke her? Fragen über Fragen, auf die Antworten schwer fallen. Da Charlotte inzwischen um das Böse in der Welt weiß, sorgt sie sich darum, ob der Weihnachtsmann erschossen werden kann. Natürlich will sie wissen, ob wir Eltern ihn schon einmal gesehen haben?

Diese Frage verneinen wir guten Gewissens. Unser Weihnachtsmann will nicht gesehen werden; all die rot-gewandeten, weiß-bärtigen Gestalten in Kaufhäusern oder Einkaufsstraßen sind menschliche Kopien. Der richtige kündigt sein Kommen an Heiligabend durch ein lautes Klopfen an, dann darf das Wohnzimmer nicht mehr betreten werden, und Charlotte muss erst einmal ins Kinderzimmer verschwinden.

Selbstverständlich erhält unser Weihnachtsmann in der Adventszeit einen Wunschzettel - gemalt, unsere Tochter kann ja noch nicht schreiben. Den Brief legen wir am Abend auf die Fensterbank, und am nächsten Tag ist er verschwunden. Wie hat der Weihnachtsmann ihn nur abgeholt? Wieder eine Frage offen. peer group hilf!

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