Was machen wir heute? : Demonstrieren

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Am Sonntagabend kam S. aus Gorleben zurück, vom Demonstrieren. Wir stießen auf ihn an sowie auf den Protest und freuten uns, dass er sich nicht erkältet hat. S. entstammt „der Mitte der Gesellschaft“ (ich sage das nicht gern, denn möglicherweise verletzt das S. ein wenig, weil es so nach Mittelmaß klingt, und ich mag S. sehr gern und weiß, dass er großartig ist und überhaupt nicht mittelmäßig, aber was sind wir denn? Schergen des Diskurses sind wir, und der Diskurs besagt: „Der Protest ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen“, und um auch etwas dazu zu sagen, kommt mir S. gerade recht. Sein Arbeitsplatz befindet sich am Kurfürstendamm, er trägt gern Anzug, wenn auch ohne Krawatte. Im Anzug, mit feinem Mantel drüber, ist er auch nach Gorleben gefahren; allein beim Schuhwerk hat er Zugeständnisse gemacht, denn er wusste, dass man im Wendland auf dem Acker protestiert. Leider hat er seinen Atomkraft-Nein-Danke-Anstecker vergessen, was sich jedoch, wie er berichtete, als weniger problematisch als befürchtet erwies: Für einen Polizeibeamten in Zivil wurde er trotz des fehlenden Buttons nicht gehalten. Zivilpolizisten trügen zwar ähnliches Schuhwerk wie er an jenem Tag (nagelneue Wanderschuhe) aber niemals Anzug mit feinem Mantel drüber. Dass S. ein Teil der Mitte der Gesellschaft ist zeigt sich auch daran, dass er am Sonntag die Demo verlassen musste, um Montag früh pünktlich im Büro zu erscheinen. Auch „geschottert“ hat er nicht („Schottern“ nennen Aktivisten, welche mutmaßlich am Rande der Gesellschaft zu verorten sind, das verbotene Entfernen von Schottersteinen aus dem Gleisbett), denn S. legt Wert auf die Legalität seines Protestes).

Mein letztes persönliches Demonstrationserlebnis liegt 21 Jahre zurück. Inzwischen bin auch ich vermutlich in der gesellschaftlichen Mitte angekommen. Es wird also Zeit, sich mit den Skandalen unserer Tage zu befassen. David Ensikat

Hinweise zum Demonstrationsrecht und Anmeldeformulare im Internet: www.berlin.de/polizei/service/versammlung.html

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