Was machen wir heute? : Den Abflug

Marc Neller

Bücher, die in allen Feuilletons enthusiastisch gefeiert werden, lese ich grundsätzlich erst viel später. Ich werde skeptisch, wenn um eine Sache irres Aufheben gemacht wird. Je massiver der Mainstream, desto stärker mein innerer Druck, ihm etwas zu entgegnen, desto geringer meine tatsächliche Meinung. Manchmal kommt mir das selbst kindisch vor, aber so ist es nun mal. Noch schlimmer ist es, wenn ich das Gefühl habe, dass Leute mit offenkundigen Interessen mich für dumm verkaufen. Der Flughafen Tempelhof ist so ein Fall, in dem beides zusammenkommt.

Ich bin noch nie von Tempelhof aus geflogen, obwohl alle sagen, es sei ein besonderes Erlebnis. Und die Kampagnenplakate, die gerade überall in der Stadt hängen, sind eine Beleidigung des Intellekts. Als gäbe es auf der Welt nur zwei Sorten Mensch: Bonzenflughafenhasser und heldenhafte Geschichtsretter. Als ginge es im Flughafenstreit nicht der SPD um die SPD und der CDU um die CDU.

Wie hältst du’s eigentlich mit Tempelhof, fragte M., als wir abends essen waren. Ich sagte, dass ich den Unmut der Menschen verstehe, die mit dem Ort persönliche Erinnerungen verbinden. Es sei aber kein Argument dafür, einen alten, teuer zu unterhaltenden Flughafen ohne echte Perspektive zu betreiben. Und dass Berlin, wenn es schon nicht in der Lage ist, in angemessener Zeit einen benötigten Flughafen zu bauen, wenigstens in der Lage sein sollte, einen nicht benötigten in angemessener Zeit zu schließen.

Ich glaube, ich lief zu großer Form auf, als mein Handy klingelte. Der Schwiegervater. „Wir haben uns lange nicht gesehen, und das Wetter bei uns ist so toll. Wollt ihr nicht ein paar Tage vorbeikommen?“ Er lebt auf dem Land, in einem alten Bauernhof mit einem phänomenalen Weitblick auf die Berge. Zum Bodensee fährt man nur eine Viertelstunde. Und wenn wir dieses Mal nicht mit dem Auto …, es gebe doch diese prima Flugverbindung nach Friedrichshafen. Von Tempelhof aus.

Hat alles bestens geklappt. Aber diese Plakate bleiben eine Frechheit. Marc Neller

Volksabstimmung zu Tempelhof am 27.4.

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