Was machen wir heute? : Den Berg lieben

Wie ein West-Berlinerdie Stadt erleben kann

Christian van Lesssen

Auf zum Böttcherberg! Mir ist wieder danach, dort rumzulaufen, in Grenzerfahrungen zu schwelgen. Zu Füßen des Bergs verlief noch vor 20 Jahren eine der verrücktesten Grenzlinien zwischen West und Ost. Seither komme vom Berg nicht los. Egal, dass er 66 Meter hoch ist, zum Weltkulturerbe der Schlösser- und Parklandschaft gehört. Dass hier ein Christian Böttcher paar Jahre bis 1804 Bergbesitzer war, an den Hängen Wein anbaute.

Für mich ist dieser Berg mit den geschwungenen Hügeln der schönste und größte der Stadt. So nah’ bin ich als West-Berliner nie der DDR gekommen. Sie grenzte mit dem Potsdamer Ortsteil Klein Glienicke an den Berg, umschloss ihn von drei Seiten. Der Berg war, unfassbar, ein letztes Stück Zehlendorf, fast eine Exklave, und das eingemauerte Klein Glienicke, von Babelsberg nur über eine Brücke zu erreichen, eine Potsdamer. Vom Berg konnte ich beim Abstieg dem DDR-Dörfchen ganz nahe kommen, sah in die Fenster der Häuser, roch, was es gerade zum Mittagessen gab. Die Grenze hatte was Idyllisches. Eine grüngraue Stahlwand war drüben über die Straße gezogen, sie war verschließbar und öffnete sich, wenn Trabis der Grenzer durchknattern wollten. Hier roch Zehlendorfs letzter Zipfel nach DDR. Oft fragte ich mich, wie die Leute drüben das ertragen, vor der Nase einen so toll bewaldeten Berg zu haben und nie hin zu können. Ich stellte mir vor, träumte sogar, ich wohnte drüben, könnte die aussichtslose Aussicht auf den Berg nicht mehr aushalten und buddelte mir einen Fluchtweg. Als die Mauer fiel, rannte ich den Berg runter, rein in den Ortsteil, der mir so lange unerreichbar war - und fühlte mich wie zu Hause. So oft hatte ich vom Berg rübergestarrt, mir das Bild eingeprägt. Ich bin noch immer gern hier, freue mich unten am Ausflugslokal „Bürgerhof“ und oben, auf dem geliebten Berg, über die schöne, malerische Aussicht.Christian van Lesssen

Auf dem Böttcherberg steht die restaurierte Loggia Alexandra im Stil florentinischer Frührenaissance. Zugang über Straße Am Böttcherberg, ein Stück links vor der Glienicker Brücke.

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