Was machen wir heute? : Den Blick weiten

Wie ein Neuberliner die Stadt erleben kann - auf dem Müggelturm

Anselm Neft

Ich sitze bei einem nach altem Berliner Rezept bereiteten Hoppelpoppel in meiner Küche und starre aus dem Fenster. Geradeaus eine Wand, links eine Wand, rechts eine Wand. Ein Blickgefängnis. Jedoch prangen in den Wänden, dem Auge zur Abwechslung, quadratische Aussparungen. Die meisten Türchen in meinem Hinterhof-Adventskalender sind noch dunkel, in manchen gibt es etwas zu sehen: ein junger Mann in Unterhose am Tisch (rauchend), ein Paar im emsigen Küchen-Hinund-Her (kochend), ein Mann mit großem, fast kahlem Kopf, der in einen Laptop schaut, wie Schneewittchens Stiefmutter in den Zauberspiegel. Plötzlich taucht in einem bisher nicht beachteten Fenster ein spindeldürres Kind auf und streckt mir die Zunge raus.

In meinem Mietskasernen-Voyeurismus gestört, stehe ich auf und rühre mir fachmännisch eine Berliner Weiße mit Schuss zusammen. So viel steht fest: Mein Blick braucht Auslauf, Raum, um sich zu entfalten.

„Auf Quadratmeilen hin nur Wasser und Wald. Nichts, was an die Hand der Kultur erinnerte. Nicht Weg, nicht Steg und keine andere Fahrstraße sichtbar, als das verwirrende Flußnetz, das sich durch die scheinbar endlosen Forstreviere zieht. Kein Hüttenrauch steigt auf, keine Herde weidet an den Ufern entlang, und nur eine Fischmöwe schwebt satt und langsam über dem Müggelsee.“ So notiert es Fontane 1882 in seinen „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“. Seit damals hat sich einiges geändert. Den etwa zehn Meter hohen hölzernen Aussichtsturm, der zu Fontanes Zeiten auf dem kleinen Müggelberg stand, gibt es nicht mehr. Heute steht an seiner Stelle ein etwa 30 Meter hohes Gebilde, das aussieht, wie aus Lego zusammengesteckt. Daneben verrottet recht charmant ein Hotel. Im Turm gibt es eine Kasse. Einen Euro kosten Aufstieg und Ausblick. Und auch wenn ich nicht weiß, was die Berliner reitet, die hiesigen Bodenbeulen Berge zu nennen: Mein Blick ist zufrieden wie lange nicht. Anselm Neft

Müggelturm in Köpenick (www.koepenick.net/mueggelturm)

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