Was machen wir heute? : Den Charakter festigen

Jochen Schmidt

Das Jahr 1940, eine Schulklasse in einer russischen Provinzstadt. Die Schüler wollen gute Komsomolzen sein, aber die Pubertät lässt sich nicht verdrängen. Mädchengespräche: „Ist dir diesen Sommer der Brusthalter zu eng geworden?“ – „Das ist nichts, womit sich ein Komsomolze beschäftigen soll.“ Aber man sieht ihr an, dass es sie doch beschäftigt. Die jungen Leute diskutieren über Gerechtigkeit und Wahrheit, alles ist bedeutend in diesem Alter. Der neue Direktor lässt in den Mädchentoiletten Spiegel anbringen, die dogmatische Lehrerin empfindet das als bourgeois. Der Film stammt von 1987 und neben der Handlung bestaunt man, was damals plötzlich möglich war.

In der DDR wurde so etwas verboten, eine surreale historische Pointe. Wie konnten die Dogmatiker in der DDR auch diesen Schritt nachvollziehen, den ihnen ihr großer Bruder abverlangte? Es gelang ihnen erstaunlich gut, ich erinnere mich an Lehrer, die uns erklärten, warum man jetzt nicht mehr von der Sowjetunion siegen lernen könne.

Die Jugendlichen wirken rührend ernsthaft, wie kleine Erwachsene: „Unsere Probleme müssen wir selbst klären, das festigt den Charakter.“

Jessenin vorzulesen war schon ein Vergehen. Auf eine bizarre Art war es doch eine beneidenswerte Epoche, in der ein Diktator Angst vor einem Lyriker hatte!

Die meisten Schüler werden im Krieg sterben. Die Schauspieler hatten auch nicht alle Glück nach der Wende. Das Mädchen, dem der Brusthalter zu eng wurde, wurde als „Kleine Vera“ berühmt und war im Mai ’89 das erste sowjetische Playmate im amerikanischen Playboy. Dass so etwas einmal eine Sensation war, wenn man an das heutige Russland denkt!

Der Film ist als DVD in deutscher Synchronfassung zu bekommen, die Stimmen der Sprecher, u. a. Klaus Piontek und Otto Mellies, lullen einen wohlig ein, man hat sie auf mancher Märchenplatte gehört. Jochen Schmidt

„Und morgen war Krieg“, DVD, Icestorm, ab 9,50 Euro

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