Kultur : Was machen wir heute?: Den Eitelkeiten frönen

Bernd Ulrich

Also ich persönlich bin ja völlig uneitel. Wie aber kommt es, dass meine Kinder so furchtbar auf Äußerlichkeiten achten?

Jedenfalls habe ich kürzlich unsere Kleinbildkamera aus dem Schrank geholt, um die Kleinen mal in ganz alltäglichen Situationen zu fotografieren; wenn sie wieder so süß ihr Müsli schlabbern oder andächtig Blümchen auf Wiesen malen. Nur leider, es geht nicht mehr. Sobald sie die Kamera sehen, fangen sie an sich zu benehmen, als seien sie auf einem Casting. Sie setzen sich in Pose, lachen affektiert, unsere Kleinste biegt sogar den Arm geziert nach hinten wie einst Clawdia Chauchat in Thomas Manns Zauberberg.

Von der Ältesten ganz zu schweigen. In ihrer Klasse ist jetzt definitiv der Markenterror ausgebrochen. Kürzlich standen drei dieser 10-jährigen Grazien bei uns im Wohnzimmer und präsentierten ihre Badeanzüge. Fachmädchenhaft wurden wir über die Vor- und Nachteile, durchaus auch über die Preise diverser Badeanzugmarken aufgeklärt. Mit dem Ergebnis, dass unsere Tochter schwimmmodisch total underdressed ist, sozusagen eine Unter-Wasser-Asoziale. Am Abend waren wir heilfroh, dass sie beim Schwimmen im Olympiastadion nicht ertrunken ist mit ihrem markenlosen, gleitunfähigen Badeanzug. Diesen Mädchen würde es ganz gut tun, wenn sie nach dem Vorbild der Tagesspiegel-Aktion eine Schuluniform verpasst bekämen - auch unter Wasser.

Bei Fritz, unserem Vierjährigen, ist es dafür übrigens schon zu spät. Seit einigen Wochen hat er den allmorgendlichen Was-ziehst-du-an-Krieg nämlich gewonnen. Fritz geht nur noch mit dem kompletten Fußball-Trikot aus dem Haus, Stutzen inklusive. Und er würde ganz gewiss bis vors Bundesverfassungsgericht ziehen, wenn man ihm sein Menschenrecht auf immerwährende Fußballkleidung absprechen wollte. Er hat damit auch schon seine kleine Schwester angesteckt, die neuerdings am liebsten mit einem Kleidchen - und mit Fußballstutzen in den Kindergarten geht, sehr apart.

Kurzum, die einzigen, die in unserer Familie gegenüber Äußerlichkeiten gleichgültig bleiben, sind wir, die Eltern. Das demonstrieren wir den Kindern zurzeit besonders eindrucksvoll in Autohäusern. Wir wollen uns nämlich zum ersten Mal ein neues Auto kaufen. Das macht besonderen Spaß, wenn der Fritz dabei ist. Nachdem er einmal mitbekommen hat, dass es beim Autokauf gewisse finanzielle Grenzen gibt, rennt er nun immer von einem Modell zum anderen und ruft zur Ermutigung der Eltern: "Das können wir uns leisten!" Bis es jeder gehört hat: "Das können wir uns leisten!"

Die gelangweilte Franziska stellte dann die alles entscheidende Frage: "Welche Farbe wollt ihr denn?" Ohne hier ins Detail gehen zu wollen - diese Frage endete in einem handfesten Ehekrach, weil meine Frau silber-metallic(!) will und ich smaragdgrün. An sich ist es mir ja egal, aber in einem silberfarbenen Auto fahre ICH nicht durch Berlin. Franziska lächelt.

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