Kultur : Was machen wir heute?: Den Freitag fürchten

Markus Huber

Achtung! So Sie keine Kraftausdrücke zum Morgenkaffee vertragen, sollten Sie den ersten Absatz dieser Kolumne nur überfliegen. Legen Sie sich noch mal hin, lagern Sie die Beine hoch und steigen Sie erst im zweiten Absatz wieder ein. Denn hier kommt gleich das Sch.-Wort. Obwohl ich normalerweise kein verbaler Muselprotz bin, muss es heute sein. Zweimal nur, kurz aber umso heftiger. Jetzt: Schweine! Meine Kollegen sind Schweine! Miesepeter sind sie, humorlose Gesellen, mit anderen Worten typisch deutsche Kleingeister. Können es nicht vertragen, wenn die Helden ihres Lieblingshobbys mal nicht besonders heroisch unterwegs sind. Nicht einmal einen kleinen Scherz über ihre Fußball-Nationalmannschaft vertragen sie. Oder zwei. Oder drei.

Ich fühlte mich gut, als ich Montagmorgen das Büro betrat. Unterm Arm hatte ich einen Stapel druckfrischer britischer Boulevard-Blätter, mehrere Farbausdrucke britischer Internet-Seiten, auf denen dankenswerter Weise die Anzeigentafel des Münchner Olympia-Stadions von vergangenem Samstag zu sehen war, und dann erinnere ich mich dunkel, dass ich auch noch ein Michael-Owen-Poster dabei hatte. Ich war außergewöhnlich früh da, als der erste Kollege eintraf, sah das Büro einem britischen Pub nicht unähnlich. Vor allem die in meiner Glastür montierte Titelseite des "Daily Mirror" (die mit den verbrannten Olli-Kahn-Handschuhen) machte sich gut. Ich war mit meinem Werk zufrieden, auch, weil ich zu diesem Zeitpunkt das Ergebnis eines anderen, im Grunde völlig unbedeutenden Fußballmatches von Samstagnacht bereits verdrängt hatte. Lustig, wie die Kollegen so taten, als wäre alles normal. Angenehm, dass Montagmorgen der Sportteil der "Bild", der sonst sofort im Schreibtisch irgendeines Kollegen verschwindet, stundenlang unangetastet am Zeitungstisch lag. Ich zeigte selbst da noch Größe, als ich beim ersten Stuhlgang feststellte, dass auf dem Klodeckel ein Foto der österreichischen Nationalmannschaft klebte. Wie gesagt: Was auch immer sich Samstagnacht im Mestalla-Stadion zu Valencia, Spanien, abgespielt haben mag, es war völlig unbedeutend. Am 6. Oktober ein Unentschieden in Israel, und alles wird gut.

Unlustig ist es erst seit Dienstag. Da vermeldete doch tatsächlich die Bild-Zeitung, dass Lothar Matthäus Trainer meiner Rapid in Wien werden soll. Matthäus? Der Mann ohne Trainerlizenz, der nicht mal Englisch, geschweige denn Österreichisch versteht? Trainer? Bei meiner Rapid? Es war ein Desaster. Dummerweise konnte ich meine Emotionen nicht zügeln, und seitdem gleicht mein Arbeitsplatz einem Loddar-Mausoleum. Unglaublich, wie viele Loddar-Devotionalien normalerweise vernunftbegabte Menschen in ihrem Schrank hüten.

Seitdem fürchte ich mich vor Freitag. Dem vernehmen nach soll Herr Matthäus da schon bei Rapid auf der Bank sitzen. Premiere überträgt das Spektakel live. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass die Bild am Samstag darüber schreiben wird.

Am Montag bin ich krank.

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