Was machen wir heute? : Den Frühling begrüßen

von

Licht! Es wurde Licht. Was hab’ ich mich gesehnt danach. Eigentlich bin ich ja überzeugte Anhängerin der vier Jahreszeiten. Arme Kalifornier, bei denen der Winter praktisch nahtlos in den Sommer übergeht! Und wer will schon in der Karibik leben, wo jeden Tag die Sonne scheint? Da kann man sich ja gar nicht mehr drüber freuen. Nein, viele graue Wochen lang habe ich mich nach dem Frühling gesehnt, der heute beginnt. Jetzt will ich auch jede Knospe einzeln begrüßen. Der Flieder vor meinem Schlafzimmerfenster grüßt jeden Morgen ein bisschen grüner zurück.

Die Sonne am Wochenende konnte ich allerdings nur von drinnen bewundern. Im Frühjahr fängt ja bekanntlich das Leben neu an. Auch meine Wohnung wird gerade neu geboren. Das heißt, gerade befinden wir, meine Wohnung und ich, uns in den Geburtswehen. Es handelt sich um eine schwere Geburt. Seit 20 Jahren wohne ich nun schon in einem schönen Schöneberger Altbau. In der Zeit sind andere Leute 20 mal umgezogen, haben sich 20 mal von altem Ballast und ungeliebten Erbstücken befreit, von Schuhschränken, die nicht mehr richtig schließen, von Couchtischen, die vor 30 Jahren aktuell waren. Aber Umziehen ohne umzuziehen, das erfordert verdammt viel Disziplin und Willenskraft. Seit Wochen bin ich damit beschäftigt, auszumisten. Jetzt bin ich gerade bei den CDs angekommen.

Ich habe nämlich gemerkt, erst wenn ich Platz geschaffen hab’, habe ich auch wieder Raum zum denken, was ich wie neu machen will. Schwierig. Die meisten neuen Möbel sehen mir nämlich zu neu aus. Ich hab’s gern mit ein bisschen Patina. Gemütlich. Mein Neffe, der Architektur studiert, zuckt jedes Mal zusammen, wenn ich das Wort in den Mund nehme. Für Architekten ist das ein Schreckenswort.

Was meine dunkle Hochparterre-Wohnung ganz besonders dringend braucht: mehr Licht. Jetzt schleiche ich in der Motzstraße und den Seitenstraßen, vorzugsweise im Dunkeln, herum, auf der Suche nach gemütlichem Licht. Da gibt’s nämlich ein paar schöne Läden, die Möbel mit Patina verkaufen. Die Lampen leuchten dort auch nachts.Susanne Kippenberger

Autor

0 Kommentare

Neuester Kommentar