Was machen wir heute? : Den Frühling besingen

Wie eine Rentnerindie Stadt erleben kann

Brigitte Grunert

Alles neu macht der Mai? Einst schmetterten die Schulkinder das Lied vom Mai, der alles neu macht, nach der Melodie von Hänschen klein (Text Adam von Kamp anno 1818). Doch so etwas ließe sich Hänschen unserer Tage natürlich nicht mehr weismachen, denn längst stiehlt der April dem Mai die Show. Ja, auch an unseren alten Mailiedern ist zu erkennen, was es mit dem Klimawandel auf sich hat.

April, April, der weiß nicht, was er will! Und ob! Als wollte er mithalten mit unserer Zeit, in der nichts schnell genug gehen kann, steht alles schon in üppiger Blütenpracht, selbst der Flieder und die Kastanien am Landwehrkanal. Die späten Eichen grünen auch schon, früher ließen sie sich bis Mitte Mai Zeit, sie sind die letzten Bäume. Unsereiner wird direkt melancholisch, wenn er sieht, wie der Frühling vorbeihastet, wie die Blüten vergehen.

„Komm lieber Mai und mache die Bäume wieder grün, und lass mir an dem Bache die kleinen Veilchen blühn ...“ Die Verse des Lübecker Patriziers Christian Adolph Overbeck wären womöglich vergessen, hätte sie Mozart nicht vertont. Vor dem ersten Weltkrieg war dieses Lied übrigens in Preußen „Pflichtlied“ in der vierten Volksschulklasse wie das Liedchen „Alles neu macht der Mai ...“ in der zweiten Klasse.

„Im wunderschönen Monat Mai, als alle Knospen sprangen, da ist in meinem Herzen die Liebe aufgegangen ...“, dichtete Heinrich Heine, Robert Schumann machte daraus das Lied. Nun ja, heutzutage springen die Knospen mit Macht ab April auf, zumal in unserer Millionenstadt, wo es schließlich ein paar Grad wärmer ist als auf dem Lande.

Wie sehnsuchtsvoll wurde früher der Mai herbeigesungen. Das wohl bekannteste Mailied stammt von dem Spätromantiker Emanuel Geibel und entstand 1841, Anfang Mai; im Jahr darauf gab ihm Justus Wilhelm Lyra die volksliedhafte Melodie: „Der Mai ist gekommen, die Bäume schlagen aus ...“ Heutzutage sind wir im Mai schon mitten im Sommer. Wer weiß, vielleicht wird im Jahr 2050 gar der März besungen. Brigitte Grunert

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