Kultur : Was machen wir heute?: Den großen Max machen

Markus Huber

Etwas vereinfacht kann man die Hackordnung so festlegen: Der Alt-Berliner scherzt über den Neuberliner, der Neu-Berliner lacht sich über den Touristen halb kaputt. In groben Zügen halt ich mich daran. Immer wieder ertappe ich mich dabei, wie ich auf der Entlastungsstraße zwischen Reichstag und neuem Kanzleramt (heißt die dort noch so?), den Fuß vom Gas nehme, um mir möglichst lange die ganz ganz lange Schlange vor dem Reichstag zu gönnen. Großes Amusement, vor allem bei Eisregen im Winter.



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Ein besonderer Genuss ist mir aber alle zwei Monate vergönnt; immer dann, wenn sich mein Schwiegervater in die Hauptstadt begibt. Mein Schwiegervater, im Hauptberuf Bonvivant und in zweiter Linie Vier-Sterne-Hotelier vom Wolfgangsee, hat nämlich eine besondere Marotte: Wann immer er in der Stadt ist, gönnt er sich, obschon selbst Tourist, zwei Stunden Touristenschauen. Dann markiert er den großen Max (seine Mutter ist eine weise Frau und deswegen trägt der Max seinen Vornahmen wahrscheinlich nicht zufällig), und führt mich ins Adlon aus. Touristenwatching de Luxe.

Zwei Stunden, mehr nicht: Mit bewusst gelangweilter Miene tragen wir dann unsere besten Anzüge in die Lobby und achten immer darauf, dass die Krawatten einen Tick zu locker sitzen. Niemand soll denken, wir hätten uns extra für diesen Ausflug in Schale geworfen, keinesfalls. Und natürlich hat jeder von uns ein paar Zeitungen unterm Arm. Max, weil auch an der Börse ein großer, das "Wall Street Journal" und die "FTD", ich, weil jung und aufstrebend, die "SZ", die Berliner Seiten der "FAZ" und die "Liberation" (ja, ich kann Französisch. Ein paar Brocken zumindest). Wichtig nur, dass die Zeitungen möglichst zerlesen wirken; also so, als hätten wir unser Domizil im Adlon nur eben schnell für ein paar Stunden verlassen, um gelangweilt im Einstein Unter den Linden einen Latte zu schlürfen.

In der Adlon-Lobby also. Freundlich, aber nicht zu freundlich den Kopf nach links gedreht, um kurz zur Concierge zu nicken. Aber nicht zu auffällig, man ist ja unter sich. Die Sofas in der Mitte der Lobby sind einladend ausladend, aber nicht besonders bequem. Das, sagt der Vier-Sterne-Hotelier Max jedes Mal wieder, sollten die vom Adlon ändern, denn wenn man sich hinsetzt, sinkt man zu tief, um eine gute Figur zu machen. Aber andererseits, wer Tee trinkt und dann Cognac bestellt, ist immer lässig. Ja, wir fühlen uns wohl, auch wenn die Musik ein bisschen laut ist. Wir wollen sowieso nix reden, sondern schauen - möglichst lässig hinab auf die Touristen-Rudel in Kaufhof-Montur, die alle Nase lang die Lobby betreten, nach oben schauen, und dann laut und sächselnd sagen, wie schön das Adlon ist. Max sitzt immer mit Blickrichtung zur Tür. Wenn es rudelt, dreht er sich nach rechts zur Concierge und rollt die Augen. Das kann er gut.

Die Rechnung übernimmt immer der große Max. Er kann es sich leisten, denn wenn er alle zwei Monate nach Berlin reist, schläft er bei uns auf dem Sofa.

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