Was machen wir heute? : Den Hofknicks üben

Wie eine Mutter die Stadt erleben kann: Zwei Geburtstage feiern.

Nicola Kuhn

Wenn Jan und Josefine gefragt werden, wer von beiden der Ältere sei, freut sich Jan jedes Mal auf seine Pointe. „Ich!“, antwortet er mit gewissem Stolz und zur Verblüffung seines Gegenübers, „um zwei Minuten.“ Trotzdem haben die beiden jetzt ein Alter erreicht, in dem sie nicht mehr zusammen Geburtstag feiern. Mit acht Jahren hat jeder seinen eigenen Freundeskreis, Mädchen und Jungen streng getrennt. Also geben Jan und Josefine separate Partys, wobei jeder Gast beim anderen ist, wenn auch als Einziger seines Geschlechts.

Josefine hat jetzt den Anfang gemacht und ganz mädchenhaft zur Kinderführung ins Schloss Charlottenburg eingeladen. Sieben Drittklässlerinnen durften sich in Hofdamen verwandeln, Josefine wurde zur Prinzessin erklärt. Jan hatte zwar schon vorab erklärt, dass er die Rolle des Prinzen keinesfalls übernehme. Trotzdem ließ er sich tapfer Seidenschärpe, Bauchbinde und Samtumhang überziehen, während sich die Mädchen in Rüschenröcke warfen, einander die Korsagen stramm zogen, Schmuck ansteckten und Schminke auflegten. So marschierten die Grazien mit manierlich angehobenem Kleid paarweise in den Spiegelsaal ein, zur Bewunderung der anderen Schlossbesucher. Ein wenig Herrschergeschichte musste dennoch sein, etwa dass Friedrich I. drei Frauen hatte, was mit dem empörten Ausruf „Der Betrüger!“ quittiert wurde. Auch die Tatsache, dass er sie hintereinander ehelichte, machte ihn nicht sympathischer. Josefine und ihre Freundinnen hätten sich das niemals bieten lassen, auch wenn ihnen sonst das Hofleben gefiel: Knicks üben, Menuett tanzen und sich immer wieder in den riesigen Spiegeln bewundern. Da hatte Jan längst seine Verkleidung abgelegt und sich entgegen der Etikette erschöpft auf dem Parkett ausgestreckt. Die Museumspädagogin hatte vollstes Verständnis und empfahl für’s nächste Mal die Jungenführung im Schloss Sanssouci. Jan winkte müde ab. Er geht mit seinen Kumpels schwimmen.

Stiftung Preußische Schlösser und Gärten, Berlin-Brandenburg, Tel.: 0331/96 94-200

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