Kultur : Was machen wir heute?: Den Ichtioptirius bekämpfen

Harald Martenstein

Das Leben geht weiter, sowieso, trotz Krieg und Anthrax und all dem. Das Kind und ich, wir haben uns ein komisch aussehendes Pulver gekauft und sind damit durch die Wilmersdorfer Straße gelaufen. Das weiße Pulver hatte uns ein Mann mit einer Tätowierung auf dem rechten Arm gegeben. In einer Tierhandlung. Wegen der Seuche. In dem Aquarium ist nämlich Ichtioptirius oder so ähnlich ausgebrochen, die Mutter der Fischkrankheiten, vergleichbar mit der Pest, nein, Lassafieber, nein, den Pocken. Die Fische kriegen weiße Punkte, werden teils hyperaktiv, teils apathisch, teils zeigen sie keine Verhaltensauffälligkeiten, was ihnen aber letztlich nichts nützt. Nach ein bis drei Tagen sehen sie alle aus wie verschimmelte Fliegenpilze und schwimmen mit dem Bauch nach oben.

Am Anfang von Ichtioptirius oder so besaßen wir zirka 40 Fische, nach drei Tagen waren es noch zirka 20. Wie in den mittelalterlichen Städten, wo der Pestkarren morgens die Leichen einsammelt, fischten wir täglich vor der Schule einige Lebensabschnittsgefährten aus dem Wasser. Das Kind stand traurig vor dem Aquarium und hatte die aktuellen Weltkatastophen vergessen. Es ist nämlich so, dass ein kleines Leid, welches direkt vor unseren Augen und in einem uns bekannten Milieu passiert, stärker bewegt als ein objektiv riesengroßes Leid, welches aber in 5000 Kilometern Entfernung stattfindet. Das ist ein Naturgesetz. Man könnte einen Betroffenheitskoeffizienten aufstellen, Entfernung geteilt durch Vertrautheit, malgenommen mit der Zeit der Beobachtung. Dann könnten wir Journalisten ohne nachzudenken immer auf einer Skala ablesen, ob wir über ein Unglück die Sondernummer bringen müssen, einen Dreispalter oder bloß eine poplige Meldung. Das Kind zum Beispiel will eine Sondernummer über das Fischsterben.

Das Medikament nützte nichts. Am Ende waren fünf Fische übrig, drei aggressive, fette, langbärtige Fadenfische, ein schüchterner kleiner Aal und leider auch ein so genannter Schwertträger, der Don Juan des Aquariums, der uns wegen seines geckenhaften Wesens nie sehr unsympathisch gewesen ist. Wir gingen wieder in die Tierhandlung. Diesmal war ein anderer Verkäufer da, mit einer Tätowierung am linken Bizeps. "Das weiße Pulver nützt gar nichts", sagte er. "Sie müssen diese blaue Flüssigkeit hier nehmen. Mein Kollege, der mit dem Tattoo rechts, hat echt keine Ahnung." Die restlichen fünf Fische überlebten.

Wir haben - während der Schwertträger versuchte, sich mit den Fadenfischen zu paaren, und dabei fast sein Leben verlor - neue Fische gekauft. Skalare, Neonsalmler, Prachtschmerlen. Wir wollten noch mal ganz von vorn anfangen. Seit ein paar Tagen aber sind die weißen Punkte wieder da. Wir kippen täglich blaue Medizin in das Becken, wir wechseln das Wasser, wir reden den Tieren gut zu, wir informieren uns über Homöopathie, Akupunktur und Palliativmedizin. Von der Weltlage kriegen wir kaum noch was mit. Welche Meinung hat das Kind überhaupt über den Kriegseinsatz der Bundeswehr? Keine Ahnung.

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