Was machen wir heute? : Den Keller entrümpeln

Wie eine Rentnerindie Stadt erleben kann - jahrzehntelang Vergessenes ausgraben.

Brigitte Grunert

Erinnerungen lassen sich nicht einfach abrufen, sie kommen von selbst. Manchmal sind es scheinbar wertlose Kleinigkeiten, die Erinnerungen wachrufen, an schöne oder schmerzliche Momente. Als sich die Rentnerin aufraffte, den Keller zu entrümpeln, stellte sie sich das ganz einfach vor. Doch sie merkte schnell, dass sie sich auf ein schweres Stück Arbeit einließ. Das hieß ja, „den Tresor der Vergangenheiten aufbrechen“, wie es der Lyriker Dieter Meier-Lenz nannte.

Jahrzehntelang Vergessenes wurde ausgegraben, mit jedem vor langer Zeit aussortiertem Stück Hausrat und Nippes. Erbstücke, mit denen man nichts anzufangen wusste, waren einst im Keller gelandet. Nun auf einmal erging sie sich, die Erinnerungen kamen mitMacht. Sie las sich an alten Briefen und Karten fest. Sie förderte Anträge auf Visumberechtigungsscheine für West-Berliner zum Besuch Ost-Berlins zutage und weiße Zettel, auf denen man Mitbringsel einzutragen hatte. Wie war ihr Schulausweis der Oberschule in Berlin-Lichtenberg von 1952 in den Keller gelangt? Oder der vergilbte Zettel aus demselben Jahr, auf dem die Vopo die Ausbürgerung des späteren Ehemannes aus der DDR verfügt hatte?

Oder die Reichsbahn-Fahrkarten Berlin–Magdeburg vom 28. Dezember 1963? Richtig, an diesem Tag durfte er nach vielen Jahren erstmals die Eltern besuchen, und sie hat ihn begleitet. Lange her, sie musste schmunzeln, er kann es nun nicht mehr. Uralte Notizbücher hat sie wiederentdeckt, das älteste von ihm, 1944. An fast jedem Tag außer über Weihnachten ist dort, man kann es sich kaum noch vorstellen, „Fliegeralarm“ und/oder „Voralarm“ vermerkt, immer mit den Uhrzeiten. Am 21. Juli 1944 drei knappe Notizen: „Mordanschlag auf den Führer“, „Voralarm“; „Kino-Besuch, ’Wenn die Sonne wieder scheint’“. Typisch, mit solchen Filmtiteln wurde eine heile Welt vorgegaukelt, während alles in Trümmer fiel. Am 13. November heißt es lapidar: „Schule wird nicht mehr geheizt!“ So etwas wirft unsereiner natürlich nicht weg. Erinnerungen lassen sich eben auch nicht entrümpeln.

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