Kultur : Was machen wir heute?: Den Kopf abschneiden

Sigrid Kneist

Kindliche Kreativität endet oft im Chaos. Ein Nachmittag fantasievollen Spielens stellt die Geduld der Eltern vor eine harte Bewährungsprobe. Ins Kinderzimmer kann man nicht einen Fuß mehr setzen - sämtliche Kuscheltiere, Barbies, andere Puppen und ihr Zubehör tummeln sich dort. Der Flur ist übersät mit Papierschnitzeln, der Wasserfarbkasten findet sich im elterlichen Bett, leider wurde auch eine Tube Deckweiß in den Laken ausgequetscht. Im Bad riecht es eigentümlich: In einem Zahnbecher dümpelt eine obskure Flüssigkeit vor sich hin. Die offen stehenden Parfüm-, Körpermilch- und Nagellackentfernerflaschen sowie der entleerte Seifenspender legen die Vermutung nahe, dass hier ein eigener Duft kreiert wurde.

Eigentlich hätte ich es wissen müssen und alle halbe Stunde einen Gang nach oben unternehmen sollen, um das drohende Ungemach schon in seinen Anfängen zu entschärfen. Denn: Es war so ruhig. Das ist das untrügliche Zeichen dafür, dass Unheil bevorsteht - aus meiner Sicht als Mutter zumindest. Immer! Aber irgendwie verdrängt man das gerne und freut sich über die lieben Mädchen, die so friedvoll spielen.

Letztens war es wieder einmal sehr, sehr still. Gerade als ich doch mal nach dem Rechten schauen wollte, kamen Charlotte und ihre Freundin Anna bester Dinge nach unten. Das machte mich misstrauisch. Die Kontrolle hätte ich mir jedoch sparen können. Keine rausgerissenen Spielsachen, keine mit Tesa verklebten Bildchen, keine verknoteten Stricke, überhaupt keine Unordnung, nichts. Nur unser Bett - ein anscheinend äußerst beliebter Spielplatz - war leicht verwühlt.

Eine gute Woche später erfuhr ich dann endlich, womit sich die Mädchen an diesem Nachmittag beschäftigt hatten. Ich holte einen Film von Charlotte vom Entwickeln ab: Bestimmt 30 der insgesamt knapp 40 Bilder zeigen bestrumpfhoste, in die Luft gestreckte Kinderbeine zwischen Kissen. Aus allen möglichen Perspektiven, dicht dran, aus der Totalen, mal ein wenig schief, dann wieder im Gegenlicht. Eine ganze Fotoserie über Purzelbäume und "Ozeanrollen", wie Charlotte das Motiv "Bein hinter gerolltem Deckenwulst" bezeichnete.

Das Fotografieren hat unsere Tochter schon vor einigen Monaten entdeckt; sie besitzt eine kleine blaue Kamera mit extragroßem Sucher. Mit der macht sie aus ihrer Perspektive höchst originelle Bilder. Wer zu groß ist, Erwachsene zum Beispiel, dem wird einfach der Kopf abgeschnitten. Das kann durchaus von Vorteil sein, wer mag schon im durchgeschwitzten grauen Laufdress erkannt werden. Charlotte hat auch noch nicht den Blick für das Alltägliche verloren: eine Klobürste ist es ebenso wert, festgehalten zu werden, wie die Windel von Puppe Max oder der abgenagte Hühnerknochen auf dem Teller. Wunderschöne Lichteffekte etwa - rosa, pink lila - erzielte sie für das Shooting "Anna mit Bärchen" durch vorzeitiges Öffnen des Apparates: "Mama, wie krieg ich denn den Film raus?"

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