Was machen wir heute? : Den Kreuzberger Patienten besuchen

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Ach ja, der Staat ist arm, man sieht’s. Alles ein bisschen verschlissen im Stadtbild, ungepflegt oder schwer ramponiert, selbst in Gegenden, die früher glänzten. Hätte der Staat Geld, gäbe es viel zu reparieren und zu verschönern, denkt die Rentnerin, als sie am tristen U-Bahnhof Hansaplatz steht. Lange her, dass sie dort gern ein- und ausgestiegen ist. Das Hansaviertel war doch einmal der Stolz der Aufbaujahre und anno 1957 die Internationale Bauausstellung wert.

Ein familiärer Besuch im Krankenhaus Am Urban ist fällig. Welch ein Klotz, typisch sechziger Jahre, nichts fürs Gemüt. Immerhin bieten der Urbanhafen und die Ufer des Landwehrkanals ein hübsches Bild. Es ist Nachmittag, die Frühlingssonne, die sich ja auch schäbig benommen hat, lugt hervor, der Patient darf einen Spaziergang wagen, also nutzen wir die Gelegenheit. Die Kastanien am Planufer in voller Blütenpracht, entspannt schlendernde Kreuzberger, es ist direkt idyllisch.

Doch dann traut sie ihren Augen kaum, Zwischen Prinzen- und Admiralbrücke ankern zwei „Totenschiffe“, zum Gruseln. Früher waren es gastliche Hausboote, nun rosten die Wracks seit Jahren vor sich hin, da singt kein Vogel mehr. „Ägäisches Fischrestaurant“, entziffern wir, und, wie verwegen: „Haifischbecken – Restaurant, Bar, Nightclub.“

Wo sind die Eigentümer? Wer entsorgt die Geisterkähne auf wessen Kosten? Irgendwo las die Rentnerin, wie in Berlin üblich werde gestritten: abwracken oder restaurieren? Na schön, solange diskutiert wird, muss man kein Geld ausgeben. Jemand am Ufer spottet, das Problem werde sich von selbst erledigen, wenn die Wracks auseinanderbrechen und versinken.

Ein paar Schritte weiter ist die Welt wieder bunt, wunderbar restaurierte Häuser im wilhelminischen Protz sind zu begucken. Auf der Admiralbrücke, wo die Nächte lang und laut sind, beginnt so langsam die Party. Bohemiens, Trinker, Kiffer, Normalbürger mit ein bisschen Erlebnishunger hocken auf den Pollern, Lachsalven, Gitarrenklänge, Flaschen kreisen. „Arm, aber sexy“, sagte Klaus Wowereit. Stimmt schon, irgendwie. Brigitte Grunert

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