Kultur : Was machen wir heute?: Den Profi ranlassen

Heike Jahberg

Ich komme aus einer kleinen, übersichtlichen Stadt im Ruhrgebiet. Früher gab es dort einen Frisiersalon für alle. Damen, Herren und Kinder gingen zu Herrn Illge. Und der wäre nie auf die Idee gekommen, sich Haircutter oder Coiffeur zu nennen. Für die Herren gabe es den spartanisch eingerichteten, nach Haarwasser riechenden vorderen Teil des Salons, die Damen durften auf den rosa gepolsterten Biedermeiersesseln im hinteren Bereich Platz nehmen, und wir Kinder saßen dazwischen. Auf einem alten Klavierschemel. Und obwohl unser Kleinstadtfriseur uns Knirpsen allen denselben Einheitsschnitt verpasste, ging ich gern hin - allein schon, um in die Illustrierten zu schauen und Haarsprays, Parfüm und Haarwasser zu schnuppern.

Unseren Zahnarzt hingegen hasste ich aus ganzem Herzen. Und nur weil meine Angst noch größer war als mein Hass, presste ich mich mit weit aufgerissenem Mund mucksmäuschenstill in den Sessel und traute mich nicht, wenigstens einmal in die gefürchtete Hand zu beißen.

Das ist heute anders. Unser Zahnarzt ist ein wundervoller Mann. Er versucht, unsere Zähne zu retten, er hat eine tolle Praxis voller moderner Kunst, und er hat zu Hause vier Kinder. Nie im Leben käme ich auf die Idee, diesem Menschen etwas Böses anzutun. Doch für Tom (sechs) und Linda (zwei) kann ich nicht garantieren. Denn anders als ihre Mutter früher lassen die Kleinen ihren Gefühlen freien Lauf, frei nach dem Ton, Steine, Scherben-Motto: "Mach kaputt, was dich kaputt macht."

Dem ersten Zahnarztbesuch der "süßen, kleinen Linda" - so nennt sie sich selbst - sahen wir daher mit gemischten Gefühlen entgegen. Würde Sie den freundlichen Doktor schlagen, kratzen, beißen? Und Tom, der Skeptiker. Würde er als Zeuge des Massakers jemals wieder einen Fuß in eine Zahnarztpraxis setzen? Schreckliche Visionen trieben uns um. Die Kinder, mit stumpfen, faulenden Zähnen. Und als letzter Ausweg die Lachgas-Maske mit der Vollnarkose.

Aber was soll ich Ihnen sagen? Nichts war. Die Zähne gesund, die Kinder vergnügt, der Zahnarzt entspannt und bewunderswert cool angesichts der kleinen Verfolgungsspiele rund um den Behandlungsstuhl und unter den Bohren hindurch. Das macht Mut für den Ernstfall, wenn eines Tages der Inbegriff alles Schrecklichen, der Bohrer, zum Einsatz kommen sollte.

Doch jetzt kommt das Merkwürdige: Während die Kleinen nicht Tod, nicht Teufel und auch nicht den Zahnarzt fürchten, fürchten sie ihre Mutter. Jedenfalls wenn sie eine Haarschneideschere in der Hand hält. Nach lebensgefährlichen Ringkämpfen haben wir erkennt: Ein Profi muss ran. Die erste Adresse, ein Kiezsalon in Charlottenburg, war zwar schrill, funktionierte aber nur so lange, wie Tom beim Haareschneiden zuverlässig wegnickte. Also ungefähr bis zum Alter von 1 1/2 . Seitdem gehen wir in einen richtig schicken Laden - zu viert. Und die Kinder sind brav wie die Engel. Wie ihre Mutter, damals auf dem Klavierstuhl. Einige Dinge ändern sich doch nie.

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