Kultur : Was machen wir heute?: Den Regen preisen

Dagmar Dehmer

Klar, alle haben geflucht, dass sie ausgerechnet im Spätsommer dick eingepackt und nie ohne Schirm aus dem Haus gehen konnten. Aber die Sintflut im September hatte doch auch ihr Gutes. Wenigstens für die Bäume. Dass sie gegen Ende Oktober immer noch grün sind und sich die Blätter erst langsam rot und gelb färben, ist jedenfalls zum Gutteil dem Dauerregen des Vormonats zu danken.

Die Oktober-Sonne lässt sich besonders stilvoll im Späth-Arboretum in Treptow genießen. 122 Jahre hatten die rund 1200 verschiedenen Baumarten und Sträucher Zeit, um aus einem unscheinbaren Gelände einen Park im englischen Stil zu machen. Franz Späth, der Gründer der einstigen Baumschule, war um die Jahrhundertwende ein ganz Großer in der Gartenkunst. Damals hatte er die weltweit größte Auswahl an Pflanzen im Angebot. Und die lassen sich im Arboretum noch heute bewundern.

Franz Späth war ein Experimentator. Hier zu Lande längst gängige Bäume hat er erst in Europa eingeführt. Seine Idee: Bäume aus aller Welt, aber aus ähnlichen Klimazonen, in der alten Welt wachsen zu lassen. Heutzutage würde Späth mit einer solchen Idee allerdings auf wenig Gegenliebe stoßen. Vor allem bei Naturschützern würde er sich vermutlich eine Menge Ärger einhandeln. Neophyten nennt man solche eingeschleppten Exoten in Fachkreisen. Und manch unscheinbares Gewächs erwies sich in der neuen Heimat schon als schwer zu bändigende Plage.

Gegen einige botanische Fremdlinge führen engagierte Naturschützer inzwischen sogar einen regelrechten Krieg. Ein Freiburger Biologe zum Beispiel zieht Jahr für Jahr mit seinen Getreuen gegen den Großen Bärenklau ins Feld, um die gefährliche Pflanze an ihrer Ausbreitung zu hindern. Die Gruppe tut das sogar vermummt, weil sich die Haut nach Berührung entzünden kann. Zumindest am Bärenklau-Desaster ist Späth unschuldig. Seine Importe, darunter zum Beispiel Mispeln, japanische Nussbäume oder die Akazie, erwiesen sich dem Vernehmen nach bislang als harmlos.

Im Arboretum geht es denn auch augenscheinlich friedlich zu. Und weil die Humboldt-Universität nicht nur auf die Wirkung ihrer Gehölze setzt, sondern den Garten auch für Skulpturen geöffnet hat, kommen Kunstliebhaber ebenso auf ihre Kosten.

Ein Übriges tat der Gründer selbst. Sein Wille zur Gestaltung drückt sich beispielsweise in einem winzigen Froschteich aus, gespeist von kleinen gluckernden Flüsschen, in denen die Vögel baden. Eine Idylle also, keine Spur von vermummter Baum-Guerilla, abgesehen von den parkeigenen Sängern müssen Besucher den Garten nur noch mit den Ureinwohnern, den Eichhörnchen teilen.

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