Was machen wir heute? : Den Schneesturm vermissen

Wie ein Neuberliner die Stadt erleben kann

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Wer in diesem Winter noch mit dem Rad fährt, gehört in psychiatrische Behandlung!“, sagte I. neulich. Das habe er auf Radio Eins gehört. Vielleicht lag es also an Zwangseinweisungen, dass wir immer weniger wurden, wir heroischen Velofahrer. Jedem Mitstreiter winkte ich wie einem alten Freund durch den Schneesturm zu.

Der Berliner Winter hatte große Vorteile: Bei Einfallslosigkeit und Schlappheit war man nie um eine Ausrede verlegen. Denn wer sich mit dem Velo bis ins Büro durchgekämpft hatte, durfte stolz sein, überhaupt noch die Kraft zu finden, den Computer einzuschalten.

Ich aber war am Ende zu schwach, und bin aus der Eiszeit geflüchtet. „Auf Gomera ist immer Frühling!“, steht im Reiseführer. Und das lockt offensichtlich viele Nordländer an. Auf der Insel gibt es einen deutschen Metzger, einen deutschen Bäcker, den „Valle-Boten“ in deutscher Sprache, und dieses Wochenende wird Karneval gefeiert. Als unsere Vermieterin in den Siebzigern aus Berlin hergezogen ist, lebten im Dorf noch Einheimische, erzählt sie. „Aber die sind bald abgehauen.“ Dafür vermehrten sich die Deutschen.

Es sind leise, diskrete Deutsche. Keiner grüßt. Wahrscheinlich liegt das daran, dass sie alle irgendwann geflohen sind, genau wie ich, und sich dafür schämen. Sie wollen unerkannt bleiben und auf keinen Fall daran erinnert werden, dass auch sie zu schwach waren für die Heimat. „Entspannt euch, ich bin gar kein Deutscher“, will ich ihnen zurufen. „Ich komme aus Basel!“

Es ist traumhaft, unter Palmen Wolf Haas zu lesen. Aber das milde Wetter macht träge. Ich schaffe es kaum, den Computer einzuschalten. Langsam kriege ich Sehnsucht nach Berlin, wo man im Winter ein Held ist, und sich die Velofahrer durch den Schneesturm zuwinken. Denn im Schatten der Eiszapfen kommen sich die Menschen näher. Abends sehe ich im Kabelfernsehen, dass es in Berlin seit Tagen nicht mehr friert. Schade. Heimweh war auch schon mal spektakulärer!

Bei jeder Witterung gut: Wolf Haas: „Das Wetter vor 15 Jahren“, 224 Seiten, 8,90 Euro.

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