Was machen wir heute? : Den Weihnachtsmann verabschieden

Wie eine Mutterdie Stadt erleben kann

Dorothee Nolte

In diesem Jahr haben wir den Weihnachtsmann verabschiedet. Noch Anfang Dezember glaubte Lucas, sieben, fest an ihn; Timmy hatte ihm mit der Autorität des großen Bruders versichert, es gebe ihn. Wenn ich Lucas in jenen Tagen fragte, was er sich wünsche, so antwortete er in aller Unschuld: „Das ist geheim! Das sage ich nur dem Weihnachtsmann.“ Im Laufe des Advents allerdings mehrten sich bei ihm die Zweifel, und eines Abends kam, was kommen musste. „Ich will die Wahrheit wissen“, verlangte das Kind. „Gibt es den Weihnachtsmann?“

„Was glaubst du denn?“, fragte ich feige zurück. „Henry sagt, das sind Leute, die sich verkleiden.“ Hm, brummte ich, damit habe Schulfreund Henry wohl recht. Nun staunte Lucas, allerdings über das Gute im Menschen: „Diese verkleideten Leute sind aber nett, dass sie den Kindern Geschenke bringen!“ Vorsichtig klärte ich weiter auf, dass in Wahrheit die Eltern hinter der ganzen Angelegenheit steckten. Lucas blieb erstaunlich gelassen. „Schade, dass es keinen Weihnachtsmann gibt“, sagte er nur noch, ganz Pragmatiker, „dann müsstet ihr nicht so viel Geld ausgeben.“

Nun, da die allgemeine Aufklärung ausgebrochen ist, ist sie nicht mehr aufzuhalten. Am Heiligen Abend waren wir in einer stimmungsvollen Veranstaltung, die Lucas, vermutlich aus aktuellem Anlass, prosaisch „Grippenspiel“ nennt. Die Lieder und das Theaterspiel fand er schön, aber die Predigt mit ihrer Metaphorik überforderte ihn streckenweise. „Jesus ein Kind des Lichts? Jetzt kapier ich gar nichts mehr“, flüsterte er mir zu. Und lachte verächtlich, wie ein in der Wolle gefärbter Rationalist: „Die sind mir hier echt zu gläubig!“ Beim Rausgehen allerdings schien ihm tatsächlich ein Licht aufzugehen. „Nun weiß ich’s!“, rief er. „Es gab doch mal einen echten Weihnachtsmann: Jesus Christus!“ Ja, sagte ich, ermattet vom Aufklären, so ist es, mein Schatz, ungefähr genau so. Dorothee Nolte

Unerschrockene Aufklärer sollten die Ausstellung im Naturkundemuseum „Darwin – Die Reise zur Erkenntnis“ nicht verpassen – sie läuft nur noch bis zum 3. Januar.

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