Was machen wir heute? : Der Sau in die Augen schauen

Plümper

Abend ist´s. Der Rentner will einen seiner Lieblingsspaziergänge machen, bevor es dunkel wird, einen Blick auf die Havel werfen. Ein wenig melancholisch ist er: Klein waren die Kinder damals, und wenn sie endlich eingeschlafen waren, dann dunkelte es schon an der Havel. Oft war es auch unheimlich, weil... ja, da sind sie schon, die Schweine. Eine Sau, vier Meter entfernt, scheinbar riesengroß, hat die Beine fest in die Erde gestemmt und sieht den Rentner aus ihren kleinen, boshaften Augen ganz gelassen an. Des Rentners Bauch signalisiert Gefahr, der Kopf aber sagt, ist ja doch noch nie etwas passiert. Plötzlich ein Grunzen, eine Kehrtwendung und ab in die Büsche, die Sau.

Des Rentners Blick fällt nun auf die alte, lädiert aussehende Eiche. Jedes Frühjahr glaubt er, sie werde wohl nicht mehr ausschlagen. Ein Teil des ruinösen Aussehens ist jedoch ein Zeichen ökologischer Gesundheit. Die daumendicken Löcher in der Rinde stammen vom Eichenbock, einem selten gewordenen Käfer. Wenig später blickt der Rentner über die Havel. Fern kann er die Pfaueninsel sehen, der weiße Fleck ist die Meierei. Eine Fähre kreuzt die Havel von Wannsee nach Kladow, ein einsames Segelboot fährt unter Motor einem Hafen zu.

Der allerschönste Blick bietet sich jedoch später von einer Bank hoch über der Havel. Fern sieht der Rentner das Rot des Grunewaldturmes. Kilometer weiter kann der Rentner den Turm des Spandauer Rathauses ausmachen. Inzwischen ist es völlig dunkel. Beim Rückweg grunzt und quiekt es dauernd: Die Schweine fressen die Eicheln der amerikanischen Eichen. Und dann kehrt der Rentner im Imbiss an der Spinnnerbrücke ein: Es empfangen ihn die Berliner kulinarischen Freuden: Buletten, Hackepeterbrötchen, Knacker, Currywürste, Schweinebraten. Andere Rentner sind auch da, die mit dem Motorrad, und die Bedienung mit der großen Sonnenblume im Haar lächelt ihm freundlich zu.Plümper

Tipp: Vom Bhf. Nikolassee oder vom Parkplatz an den ehemaligen Wannseeterrassen.

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