Was machen wir heute? : Der Sonne folgen

Wie eine Mutter die Stadt erleben kann.

Dorothee Nolte

In unserer verschwommenen und verwirrenden Welt entdeckt der menschliche Geist gerne klare Gegensätze: groß- klein, dick-dünn, schön-hässlich. Das muss der Grund sein, warum Eltern zweier Kinder ihre Sprösslinge fast immer als grundverschieden empfinden. Auch wenn die zwei sich, von außen betrachtet, stark ähneln - in der familiären Binnenperspektive sind sie Feuer und Wasser, Schweden und Kenia, Auge und Zeh. Im Kosmos Kleinfamilie bekommt jeder seine Etikette - die Brave, die Diva, der Träumer, der Rambo. Den Rest seines Lebens verbringt das Kind damit, diese Etikette wieder loszuwerden. Bei uns ist das genauso. Wir beherbergen in unserem Haushalt Sonne und Mond, Tag und Nacht, Mister Einfach und Mister Schwierig. Mister Einfach sagt aus heiterem Himmel: „Ich bin froh! Vor allem, dass ich so nette Eltern habe.“ Mister Schwierig hat uns schon mit fünf Jahren mit Auszug oder Selbstmord gedroht, denn: „Du bist die schrecklichste Mutter der Welt!“ Mister Einfach verträgt sich nach einem Streit schnell, Mister Schwierig knallt Türen. Mister Einfach macht seine Hausaufgaben singend und sofort, Mister Schwierig muss gelockt, ja bedroht werden. Je nach Stimmung kann Mister Schwierig auch das reizendste, höflichste, begeisterungsfähigste Kind der Welt sein. Aber die Etikette, die hat er weg. Die Beobachtung meiner Mister lehrt mich: Temperament ist Glückssache, Erziehung auch. Am besten versuchen alle Familienmitglieder, vom Sonnenkind zu lernen. Denn das blickt selbst dem Tod optimistisch entgegen: „Wenn man tot ist, kann man immer noch reden, man hat ja noch seine Zunge. Wenn wir in die Gräber reingucken könnten, würden wir merken: Die reden alle miteinander.“ Und es braucht auch sonst nichts zu fürchten: „Ist Brandenburg ein Dorf von Berlin?“ Nein, es liegt sozusagen drum herum. „Da haben wir ja Glück!“ freut sich das Kind. „Wir werden beschützt! Von den Brandenburgern.“

Wer komplizierte Kinder aufheitern möchte, besuche mit ihnen „Der rosarote Panther Teil 2“ - da lachen sie sich kaputt.

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