Kultur : Was machen wir heute?: Die Arbeit verweigern

Daniel Haaksman

Wie Sie vielleicht wissen, arbeite ich unter anderem als DJ. Ich lege fast jedes Wochenende irgendwo Platten auf. Es ist so ziemlich der beste Job der Welt: Man bringt Leute zum Tanzen, kommt viel herum, lernt interessante Menschen kennen und hat die meiste Zeit auch noch eine ganze Menge Spaß dabei. Von der guten Bezahlung ganz zu schweigen. Kurz: Ich bin für mein Leben gerne DJ. Trotzdem gibt es Momente, in denen ich mir wünschte, ich hätte keine Ahnung von Musik. Denn DJ sein bedeutet leider auch: Irgendwie ist man immer im Dienst. Ungefähr so wie Ärzte, die sich ja auch immer darüber beklagen, dass sie in ihrer Freizeit ständig von Leuten um Gesundheitstipps gebeten werden.

Letztens hatte zum Beispiel ein Freund von mir Geburtstag. Für seine Party habe ich mir extra den Samstagabend freigehalten. Wochenlang freute ich mich auf ein schönes Fest, wo ich Freunde treffen würde, die ich schon lange nicht mehr gesehen habe - endlich mal eine Party, bei der ich nicht selbst auflegen muss. Pustekuchen.

Kaum war ich angekommen, wurde mir der DJ des Abends vorgestellt: "Hier, das ist Tommy, ein Kollege von Dir." Ich kannte Tommy nicht, aber nach kürzester Zeit war mir klar, dass die Musik, die Tommy spielte - eine abenteuerliche Mischung aus Sechziger Jahre Beat-Musik und Minimal Techno - diese Party nicht rocken würde. In dem Raum, in dem getanzt werden sollte, war es leer. In der Küche dagegen drängelten sich alle.

Hätte mir eigentlich egal sein können, ich plauderte mit alten Freunden und amüsierte mich. Als ich jedoch gerade eine hübsche Dunkelhaarige ansprechen wollte, kam der Gastgeber zu mir. "Hast Du nicht Lust, ein bisschen aufzulegen", fragte er, "ich glaube Tommy kommt nicht zurecht" (Tommy war übrigens das Geburtstagsgeschenk eines Gastes).

Natürlich hatte ich keine Lust aufzulegen. Und eine gute Ausrede hatte ich auch: "Hab leider meine Platten nicht dabei." "Macht nichts", sagte der Freund, "spiel doch einfach meine, kennst ja wahrscheinlich alle. Die Leute wollen tanzen". Kann man Geburtstagskindern Bitten abschlagen?

Also ging ich ins Wohnzimmer, blätterte durch die Plattensammlung und legte auf. Tommy verabschiedete sich. Nach drei, vier Platten fingen die Leute tatsächlich an zu tanzen. Und ich musste weitermachen, bis zum bitteren Ende.

War zwar ganz nett, anderen beim Tanzen zuzusehen, aber ich hatte von dem Abend am Ende leider so gut wie nichts. Die hübsche Dunkelhaarige war irgendwann verschwunden, ebenso wie alle meine Freunde, als ich mein letztes Bier trank.

Auf dem Heimweg fragte ich mich nur: Wann werde ich auf Partys endlich auch mal als gewöhnlicher Gast wahrgenommen? Ich schmolle heute noch. Und daher gibt es für dieses Wochenende leider auch keine Ausgeh-Tipps. Ich bleibe zu Hause. Ich will dieses Wochenende nirgends auflegen. Eigentlich will ich nicht mal Musik hören.

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