Kultur : Was machen wir heute?: Die Badezimmertür abschließen

Helmut Schümann

Papa, wann bin ich groß?" So genau weiß der Vater nicht mehr, wie die Antwort auf die oft gestellte Frage des Kindes war. Eigentlich ist es jetzt auch nicht mehr wichtig, weil, Paul fragt nicht mehr, Paul ist jetzt groß. Noch nicht ganz groß, das nicht, erstmal pubertiert Paul. Aber immerhin hat Paul den Vater erreicht, was die Körpergröße angeht. (War allerdings auch nicht so schwer, wie die Mutter sagt, das am Rande).

Kalendarisch angefangen hat Pauls Reifung irgendwann im Sommer, genauer gesagt, am Tag, als das Kind 14 wurde und die Familie in Frankreich Ferien machte. Anzeichen, dass das Kind nun nicht mehr Kind sein wollte, hatte es schon gegeben. Zum Beispiel wurde bemängelt, dass sich die Badezimmertüre nicht abschießen ließe, auch fanden sich dort vermehrt Deo-Roller und Haar-Gel-Tuben, die garantiert nicht aus dem elterlichen Besitz stammten. Ein anderes Mal untersagte das Kind strikt und für alle Zeiten, dass im Beisein von Gästen über die familiäre Freude beim Vorlesen berichtet wurde. Eine Weile war dann noch gelesen worden, sozusagen unter Ausschluß der Öffentlichkeit, dann aber hatte das Kind von heute auf morgen beschlossen, dass es nun ein Ende sei mit diesem gemütlichen Einschlafritual, weswegen der Vater wohl nie erfahren hätte, wie die Geschichte vom Alchemisten und dem armen Kölner Waisenmädchen weitergegangen ist. (Er hat sie dann heimlich zu Ende gelesen).

Aber als die Familie dann in Frankreich war, und dort in Paris, da wünschte sich das Kind zum Geburtstag neben ein paar anderen Kleinigkeiten wie Basketball, Basketball-Korb, Skateboard, Computer, Drucker, Scanner eben auch einen Besuch in Disneyland. Nun, um es kurz zu machen, die Fahrten durch "Big Thunder Mountain", zu "Indiana Jones and the Temple of Peril" und im "Space Mountain - From the Earth to the Moon" fanden Gnade vor Paul, der ja nun kein Kind mehr war. Der Vater dachte, dass dergleichen Fahrgeschäfte auch billiger zu haben gewesen wären, zum Beispiel im Spreepark in Berlin und dass er dahin nicht mal mehr hätte mit hin gemusst. Und der Rest? "Winnie the Pooh und seine Freunde", "Fantasyland" oder die "Magic Music Days" - "mhmm", sagte Paul, "da bin ich doch wohl schon etwas zu alt zu."

Paul wollte dann gehen, die alltägliche Parade aller lustigen Disney-Land-Figuren, "vergiss es", sagte er. Die Mutter meinte, wenn man schon einmal hier sei, könne man sich das doch auch einmal ansehen, aber da wurde Paul stur und störrisch und stinkig und bestimmend. Oh ja, sehr bestimmend und der Vater dachte, dass die Zeit der Pubertät wahrscheinlich zu Recht auch Flegeljahre genannt wird. Draußen, auf dem Parkpatz, drehte Paul sich noch einmal um, zuckte mit den Schultern, brummelte "Kinderkacke" und sagte: "Fahren wir jetzt endlich nach Paris zurück, wir wollen heute Abend noch Essen gehen." Was die Familie dann auch tat. Winnie the Pooh und seine Freunde schliefen da wohl schon. Paul nicht. Paul pubertiert jetzt.

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